Eine der letzten Arbeiten des großen französischen Dichters und Kunstkritikers Paul Valéry trägt den nüchtern-sachlichen Titel "Pièces sur l’art". Sie soll nächstes Frühjahr im Rahmen der "Bibliothek Suhrkamp" erscheinen. Valérys Gefühle (und Bedenken) bei einem Gang durch Museen und Gemäldegalerien, die hier zum ersten Male in deutscher Sprache gedruckt werden, erscheinen uns nun freilich nicht nur vom Verfasser und vom Thema her das Interesse unserer Leser zu verdienen. Bei allen Übersetzungen aus fremden Sprachen sollten Person und Kunst des Übersetzers viel mehr gewürdigt werden, als es hierzulande (wo wir doch derart von Übersetzungen leben) üblich ist – besonders, wenn es sich um so "schwere Übersetzungen" handelt wie die vonPaul Valéry. Hier nun – das soll nicht gestanden, das soll betont werden – ist es in erster Linie die Persönlichkeit des Übersetzers, die uns den Vorabdruck wertvoll macht: daß ein Politiker, ein führender Politiker seiner Partei, und ein Professor obendrein, einen so intimen Kontakt zum Reich der Musen und zur Welt der Sprachen pflegt, das allein scheint uns Rechtfertigung genug, den stellvertretenden Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands auf seinem Gang zu den Quellen moderner französischer Dichtung zu begleiten.

Ich liebe Museen nicht sonderlich. Es gibt viele, die man bewundern kann, es gibt aber keines, das einem Wonnen schenkte. Was an Vorstellungen über Ein- und Zuordnung, Erhaltung und Nutzen für die Allgemeinheit umläuft, ist richtig und einleuchtend, hat aber mit der Spendung von Wonnen wenig zu tun.

Beim ersten Schritt den schönen Dingen entgegen, nimmt eine Hand mir den Stock weg, untersagt mir ein Anschlag das Rauchen.

Schon zu Eis geworden durch die obrigkeitliche Gebärde und das Gefühl, unter Zwang zu steten, betrete ich einen Raum mit Plastiken, darin kaltes Durcheinander herrscht. Eine blendend weiße Büste wird zwischen den Beinen eines Ringkämpfers aus Bronze sichtbar. Gelassenheit und Heftigkeit der Bewegungen, Getändel, Gelächel, Verkrampfungen, gewagteste Gleichgewichtsakte setzen in meinem Gemüte ein unerträglich quälendes Mosaik von Eindrücken zusammen. Ich stehe inmitten eines Aufruhrs eingefrorener Kreaturen, deren jede einzelne – ohne daß es ihr gewährt würde – das Nichtvorhandensein aller anderen verlangt.

Und dabei rede ich noch nicht einmal von dem Chaos all dieser Ausmaße ohne gemeinsamen Maßstab, dem unvorstellbaren Gemenge Ton Riesen und Zwergen, noch auch von jener vereinfachenden Darstellung des Ganges der Entwicklung, die uns solch eine Ansammlung vollendeter und unvollendeter, verstümmelter und restaurierter Wesen, von Ungeheuern und feinen Herren darbietet...

Meine Seele ist auf alle Martern eingerichtet; ich dringe zur Malerei vor. Vor mir entfaltet sich in der Stille ein absonderlich gegliedertes Durcheinander. Heiliges Schaudern faßt mich an. Mein Schritt wird fromm. Meine Stimme wird anders und setzt ein wenig höher an als in der Kirche, doch weniger laut als gemeinhin im Alltag. Bald weiß ich nicht mehr, zu welchem Behufe denn ich in diese gefirnisten Einsamkeiten gekommen bin, die etwas vom Tempel, etwas vom Salon, vom Friedhof und vom Schulraum an sich haben... Bin ich gekommen, um zu lernen oder um Verzückung zu suchen? Oder kam ich, um eine Pflicht zu erfüllen und dem zu genügen, was sich nun einmal gehört? Oder sollte er nicht eine Übung eigener Art sein, dieser Spaziergang, den schöne Dinge so wunderlich aufhalten, den diese Meisterwerke zur Rechten und zur Linken – zwischen denen man seinen Weg suchen muß wie ein Betrunkener zwischen den Schanktischen jeden Augenblick anderswohin leiten?

Betrübnis, Langeweile, Bewunderung, das schöne Wetter draußen, die Vorwürfe meinem Gewissens, die schreckliche Empfindung, wie zahlreich die Schar der großen Meister ist, gehen neben mir her.