Casanova – Dichtung und Wahrheit (2) – Der eintausendundachtunddreißigste Aufsatz

Von Thilo Koch

Ich möchte hier meinen Versuch, eine Erklärung für das Phänomen Casanova, insonderheit für seine Art von Liebe zu finden, einen Augenblick unterbrechen. Ich möchte zunächst eine Erklärung dafür suchen, warum ich diese Arbeit über Casanova schreibe.

J. Rives Childs, ein Amerikaner, hat kürzlich für die „Casanova Society of Virginia“ eine 400 Seiten umfassende Casanova-Bibliographie herausgegeben (in englischer Sprache bei Christian M. Nebehay, Wien, 1956). Danach verfaßte Casanova außer den Memoiren nachweislich dreiundvierzig Werke. Aber über Casanova wurden eintausendundsiebenunddreißig Bücher und Aufsätze verfaßt. Warum schreibe ich den eintausendundachtunddreißigsten ?

Der Mann, der mich hier interessiert, ist vor 238 Jahren geboren (1725) und starb vor 160 Jahren (1798). Was geht er uns an? Sein Name wurde zum Schlagwort, sein Leben zur Operette und seine Leistung in der Literatur wird zumeist mit einem gewissen Schmunzeln quittiert. Viele Leute kennen zurechtgestrichene oder gar nachgedichtete Auswahlen aus den Memoiren; wenige haben die 4500 Seiten der vollständigen Ausgabe gelesen.

Ich sehe hiernach drei zureichende Gründe für diese Studie.

Erstens: Es gilt, Casanova, den Schriftsteller, neu zu entdecken, von Retuschen und Zutaten zu befreien; jenes „gewisse Schmunzeln“ ist schon recht – es gibt so wenig dauerhaftes Vergnügen in der Literatur –, aber es geht über den Philosophen, den Dichter, den Zeitkritiker Casanova unerlaubt eilfertig-lüstern hinweg.

Zweitens: Es gilt, Casanova, den Mann seiner Zeit, als charakteristischen Typus zu analysieren – politisch, historisch-kulturell, soziologisch, psychologisch, literaturgeschichtlich.

Drittens: Es gilt, den großen Liebhaber, den Individualisten, das männliche Exemplar Casanova zu begreifen. Mich fasziniert speziell dieser dritte Aspekt, weil in diesem Punkte die Mißverständnisse besonders verwirrend sind.

Der äußere Anlaß, sich unter solchen Aspekten neu und gründlich mit Casanova zu befassen, ist die Neuauflage des vollständigen Textes der Memoiren in der Übersetzung von Heinrich Conard.

In einer besonders schönen sechsbändigen Ausgabe kam sie 1957/58 bei LANGEN-MÜLLER in München heraus, wo dieser Text schon 1907 bis 1913 – damals in zwölf Bänden – erschienen ist. Über die editorische Problematik des Falles Casanova später Genaueres. Hier nur der Hinweis auf diese überaus gelungene und handliche Neuausgabe, weil sie das beste Argument gegen all die verfälschenden Kürzungen ist, die das Bild Casanovas so entstellt, so verflacht haben. Lieber ein einziges der 142 Kapitel des originalen Memoiren-Textes lesen als diese unsäglich verstümmelnden Digests.

Ein zweiter äußerer Anlaß zur abermaligen Beschäftigung mit Casanova ist eine Beobachtung im Zusammenhang mit dieser Neuausgabe der Memoiren. Für den ernsthaften Casanova-Freund ist in Deutschland das Casanova-Bild durch einen weithin bekannten Casanova-Essay Stefan Zweigs vorfabriziert. Diese Arbeit erschien 1928 im Insel-Verlag und ist der kritische Born für fast alle Rezensenten der LANGEN-MÜLLER-Neuausgabe in diesem Jahr. Stefan Zweigs Casanova-Auffassung indessen erscheint mir in wesentlichen Punkten irrig. Natürlich weiß der geübte Biograph Zweig immens viel über seinen Autor, und natürlich versteht er es glänzend, seine beliebte Porträt-Manier auch im Falle Casanova, ja gerade in diesem Falle, zur Geltung zu bringen. Aber das hochdramatische Leben unseres Venezianers verträgt die Zweigsche Zusatz-Dramatisierung nicht gut, und der Vergegenwärtigungseffekt Zweigs bekommt dem überaus präsenten und immer direkten Casanova gar nicht. Schließlich, so will mir scheinen, mißversteht Zweig gründlich den Menschen Casanova, sein Lebensproblem, seine Lebenslüge.

So wird denn dieser neue Versuch über Casanova geschrieben gegen die unverantwortlichen Verfälscher seiner Texte, gegen die daraus hervorgegangenen Operetten-Casanovas und auch gegen das Casanova-Porträt Stefan Zweigs, dessen Arbeit nichtsdestoweniger ernst zu nehmen ist und zur guten Casanova-Literatur gehört.

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Die Liebe mit der aristokratischen Portugiesin Pauline, die er durch jenes naivdeutliche Inserat im Fenster seines Londoner Hauses kennengelernt hat, endet, wie alle seine Leidenschaften enden. Aber mit welch philosophischer Weisheit, mit welch dichterischer Kraft reflektiert er darüber. Die folgenden Sätze bestehen würdig neben den großen Texten der Literatur:

„Ich habe sie vergessen, weil wir Menschen alles vergessen; aber wenn ich mir die Erinnerung an sie zurückrufe, finde ich, daß der Eindruck, den Henriette auf mich machte, doch der tiefere war – ohne Zweifel nur deshalb, weil ich damals erst zweiundzwanzig Jahre alt war, während ich in London bereits siebenunddreißig zählte. Je älter ich werde, desto mehr fühle ich, wie das Alter unsere Eindrucksfähigkeit abstumpft, und desto mehr bedauere ich, daß ich nicht das Geheimnis habe finden können, die Jugend festzuhalten, diese glückliche Zeit süßer Einbildungen. Ohnmächtiges Bedauern! Wir müßten enden, wie wir beginnen, oder wir müßten die von der Natur aufgestellte Ordnung umstoßen, das heißt damit beginnen, womit wir endigen. Noch einmal – ohnmächtiges Bedauern!“ (V, 284)

Das hat ein alter Mann geschrieben, im böhmischen Dux, als „Bibliothekar“ des Grafen Josef Karl von Waldstein, der den heruntergekommenen Vagabunden Casanova bei sich aufnahm. Acht Jahre hält ihn hier die tägliche Arbeit an seiner Lebensbeichte noch aufrecht. In seinen guten Jahren hatte er ergebene Diener zur Verfügung und noch viel ergebenere Mägde. Nun Verspottet das Personal im Duxer Schloß den mittellosen Siebziger, der die Ansprüche eines Fürsten stellt und das zweifelhafte Ansehen eines ausgedienten Schauspielers genießt.

Da steht das Wort zum erstenmal: Schauspieler.

Mit ihm, will mir scheinen, haben wir den Schlüssel in der Hand zum Charakter dieses erstaunlichen und oft unbegreiflichen Menschen. Weil er ein Schauspieler war, Casanova, ein Schauspieler in des Begriffes großer und tragischer Bedeutung, glaube ich ihm auch nicht, daß er die Memoiren schrieb, ohne an ihre Veröffentlichung zu denken.

Nein, inbrünstig muß er gewünscht haben, noch nach dem Tode auf die Menschen zu wirken. Man hat ihn oft einen Heiden genannt; er ist ein Sohn der Aufklärung und verdankt viele seiner Erfolge, oft das Überleben, seinem Realismus. Insofern war er äußerst modern, als er zuerst und zuletzt wirken wollte und das metaphysische Bedürfnis des Mittelalters nicht mehr kannte.

Mit den Memoiren wollte er sich noch postum an einigen Personen rächen, anderen wollte er Porträts auf Goldgrund hinterlassen und vor allem: noch einmal sich selbst verwirklichen, sich selbst darstellen, sein eignes Leben noch einmal in der Rückbesinnung durchspielen – das wollte er.

Es wird ein Tenor dieser Betrachtung sein, daß Casanova der exemplarische Fall eines Menschen ist, der das Leben als Theater erlebt und sein persönliches Schicksal wie eine Hauptrolle anlegt. Als Bühne suchte er sich das ganze damalige Europa aus zwischen Madrid und Moskau, London, Wien, Venedig, Rom – mit dem hellsten Stern Paris in der Mitte und einem nahöstlichen Abstecher nach Konstantinopel.

Er war Autor und Star dieser bunten Lebens-Revue in einer Person, und das Spiel galt für ernst. Verpaßte er den Einsatz, so stand er vor einem Abgrund, der die Existenz verschlingen konnte; hatte er einen großen Abend mit vielen Vorhängen, dann hielt Giovanni Giacomo Casanova aus Venezia in eigener Person auf einem Gipfel seiner bewegten Karriere.

In solchen Augenblicken muß der große Taugenichts der liebenswerteste aller Menschen gewesen sein, zumal – und das mag überraschen – immer ein Anflug von Trauer und Vergeblichkeit um ihn war; auch seine glänzendsten Siege im Boudoir der schönsten Frauen, auf dem Parkett der allererlauchtigsten Könige, in den renommierten Gasthöfen an den europäischen Landstraßen, sind begleitet von einem dunklen Unterton des Wissens um das salomonische „Es ist alles, alles eitel“. Hierin zumal ist er ein Antipode Don Juans, hierin liegt – je weiter die Erinnerungen fortschreiten, je älter ihr Held wird – die liebenswerte Menschlichkeit dieses Autors und dieses Lebens, so abscheulich, herzlos, brutal, vergeßlich, haßerfüllt, streitsüchtig und egoistisch Signore Casanova auch immer war.

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Kehren wir zu Pauline, die wir schon etwas kennen, und nach London zurück.

Die junge Portugiesin – über alle Maßen schön und geistreich natürlich, Casanova sah Helena in jedem Weibe – ist Untermieterin bei ihm geworden, und stehenden Fußes dringt er auf sie ein. Aber Pauline ist nicht frei; sie will, sobald die Umstände es erlauben, zurück in ihre Heimat Lissabon und in die Arme ihres Bräutigams eilen. In diesem Falle hat sie jedoch die Rechnung ohne ihren Hauswirt gemacht. (Wird fortgesetzt)