Von Thilo Koch

Pauline hieß die junge Portugiesin – so erzählte Thilo Koch am Ende seiner letzten Fortsetzung – die als Untermieterin in das Londoner Haus Casanovas eingezogen war. Pauline ist nicht frei; ungeachtet dessen umwirbt der Hausherr die Schöne nach allen Regeln seiner Kunst, zunächst mit dem folgenden Gespräch, das Pauline beginnt.

Seien Sie großmütig, mäßigen Sie sich! Ich bin nicht meine eigene Herrin, um mich der Liebe hingeben zu können, und vielleicht würde ich nicht die Kraft haben, Ihnen Widerstand zu leisten, wenn Sie meiner nicht schonten.“

„Ich werde Ihnen gehorchen, aber ich werde vor Sehnsucht vergehen; doch wie könnte ich wohl unglücklich sein, wenn ich nicht das Unglück habe, Ihnen zu mißfallen.“

„Ich habe Pflichten zu erfüllen, lieber Freund, und ich würde mich verächtlich machen, wenn ich diese verletzte.“

„Ich würde mich für den unwürdigsten aller Menschen halten, wenn ich meine Achtung einer Frau versagen könnte, weil sie mich glücklich gemacht hätte, indem sie einer ihr von mir eingeflößten Neigung nachgegeben hätte.“

„Ich habe allerdings zu große Achtung vor Ihnen, um Sie einer solchen Handlung fähig zu glauben; aber mäßigen wir uns und denken wir daran, daß wir schon morgen uns genötigt sehen können, uns zu trennen; gestehen Sie: wenn wir den Begierden der Liebe nachgäben, würde unsere Trennung viel bitterer sein, als wenn wir ihnen Widerstand leisten. Wenn Sie das nicht zugeben, ist Ihre Liebe von anderer Natur als die meinige.“

„Von welcher Natur ist denn die Liebe, die ich das Glück gehabt habe Ihnen einzuflößen?“

„Sie ist von solcher Art, daß der Genuß sie nur steigern könnte; trotzdem scheint dieser mir nur eine fast überflüssige Zugabe zu meiner Liebe zu sein.“

„Welches ist denn nach Ihrer Meinung das wesentliche Gefühl jeder Liebe?“

„Daß man in einer durch nichts zu störenden Eintracht beisammenlebt.“ „Dies ist ein Glück, das uns vom Morgen bis zum Abend beschert ist; aber warum sollten wir nicht jenes Zubehör hinzufügen, das uns nur wenige Augenblicke beschäftigen und das unseren liebenden Herzen die Ruhe und den Frieden geben wird, deren wir bedürfen?, Außerdem, göttliche Pauline, werden Sie zugeben, daß dieses Zubehör der eigentlichen Liebe als Nahrung dient.“

„Ich gebe es zu; aber geben auch Sie Ihrerseits zu, daß dieseNahrung ihr fast immer tödlich wird.“

„Dies ist, glaube ich, nicht der Fall, wenn man wirklich liebt; und dies gilt von mir. Können Sie glauben, Sie werden mich weniger lieben, wenn Sie mich mit der vollen Glut der Zärtlichkeit besesser haben?“

„Nein, das glaube ich nicht; und weil ich vor Gegenteil überzeugt bin, gerade deshalb furcht ich, der Augenblick der Trennung würde mich zu Verzweiflung bringen.“

„Ich muß vor Ihrer unwiderstehlichen Dialektil die Segel streichen, reizende Pauline.“ (V, 238 bi 240).

*

Natürlich streicht er kein einziges Segel, son dem bläst die Backen auf, um selbst noch Wind in die Takelage zu hauchen. Natürlich wird er bald glücklich sein. Und natürlich wird er Pauline mindestens so glücklich machen. Er hat sich in Paris lange von der Tänzerin Silvia Baletti aushalten lassen und inzwischen mit Anne-Madeleine Robon-Pitrot gelebt – wovon er in den Memoiren schweigt. In Salerno nimmt er freimütig und dankbar ein Anerbieten seiner „lieben Agata“ an; sie gibt ihm kostbaren Schmuck zurück, den er ihr einst verschwenderisch schenkte; jetzt ist Agata eine wohlhabende Rechtsanwaltsgattin, und er – er hat soeben seinen letzten Scudi verspielt. Also, er wurde oft und unbedenklich zum Schuldner seiner Freundinnen – finanziell; „auf dem Altar der Liebe jedoch“, wie Casanova sehr gern die Stätte der Nachtruhe umschreibt, da ist ihm, sagt er, die Lust der Partnerin des Spiels mindestens so wichtig wie die eigene. wird fortgesetzt