Von Ingrid Neumann

Für die westdeutsche Montanindustrie ist ein schweres Jahr zu Ende gegangen. Kohle und Stahl haben gemeinsam auf der Schattenseite der Konjunktur gesessen, und sie haben für diesen Platz auch zunächst noch im neuen Jahr abonniert. Die düsteren Wolken, die sich bereits zu Beginn des Jahres 1958 über diesen wichtigen Teilbereichen der deutschen Wirtschaft zusammengezogen haben, sind nicht – wie bis zur Jahresmitte vielerorts noch erwartet worden war – von einer neuen konjunkturellen Brise davongepustet worden; sie stehen nach wie vor undurchdringlich und schwarz am Firmament des Reviers, und die Mehrzahl der Hüttenwerke und Zechen an der Ruhr werden erleichtert aufatmen, wenn das Jahr 1958 – das als das Jahr der Halden in die Wirtschaftsgeschichte eingehen dürfte – auch mit seinen wirtschaftlichen Folgen der Vergangenheit angehören wird. Aber noch hat diese Zukunft für Kohle und Stahl – trotz Jahreswechsel – nicht begonnen.

Die westdeutschen Hütten haben die stolzen Erfolgszahlen der vergangenen Jahre nicht fortsetzen könner. Die Rohstahlerzeugung ist mit knapp 23 Mill. t nach 24,5 Mill. t in 1957 um 6 v. H. hinter der Vorjahrsleistung zurückgeblieben. Das Abrutschen der Rohstahlproduktion wird noch markanter, wenn ihr die optimale Kapazität der Werke von 28 Mill. t gegenübergestellt wird, die zwischenzeitlich durch weitere Rationalisierungsinvestitionen erreicht worden sein dürfte. Die Erzeugung vor Walzstahl-Fertigerzeugnissen hat mit 15,3 Mill. t sogar noch einmal das Ergebnis des Jahres 1956 geschafft. Die Beschäftigung der Hütten- und Walzwerke ist im Lauf; des letzten Jahres auf durchschnittlich 75 bis 80 v. H. gegenüber den bisher erreichten Höchstziffern zurückgegangen. In diesen Durchschnitt gehen dazu noch Unternehmen ein, deren Anlagen zeitweilig nur zu 50 v. H. ausgenutzt worden sind.

Die Auftragsbücher sind in der gesamten Stahlindustrie dünn geworden. Nach den ersten Einbrüchen im Exportgeschäft – die sich z. T. schon Ende 1957 angezeigt haben – hieß es zu Beginn des Jahres noch sehr zuversichtlich, die Exportausfälle könnten auf dem Inlandsmarkt aufgefangen werden. Das war genau so ein schöner Traum wie die vielen im Laufe des Jahres angenommenen „endgültigen Tiefs“. Bis zur Jahreswende stand es dann fest, daß der konjunkturelle Weg der Stahlindustrie noch weiter bergab führet wird. Noch immer übertreffen die Auslieferungen der Hüttenwerke die Auftragseingänge, die sie! im letzten Jahre fast von Monat zu Monat verringert haben.

Beim Stahl liegen die Halden zwar nicht bei den Produzenten; dafür aber haben sich der Handel und die Stahlverarbeiter in den vergangener Zeiten der langen Lieferfristen – und auch der im Frühjahr 1958 drohenden Streikgefahr in der eisenschaffenden Industrie – ungewöhnlich noch eingedeckt. Die Hüttenwerke kämpfen seit Monaten mühsam gegen ein Lagerpolster an Walzwerkserzeugnissen in Höhe einer Produktion von drei bis vier Monaten. Zwar wurde in den letzten Wochen des vergangenen Jahres hoffnungsfroh registriert, daß der Lagerabbau fortschreite, aber eine Produktionsbremse wird der Lagerzyklus beim Stahl noch für einige weitere Monate sein.

Von allen Ernüchterungspillen, die das Jahr 1958 der westdeutschen Stahlindustrie verordnet hat, ist die Therapie des niedrigen Preises sicherlich die bitterste gewesen. Mit den fetten Pfründen im Geschäft auf dritten Märkten hat das vergangene Jahr nachhaltig aufgeräumt. Um die gleiche Spanne, die die Exporterlöse noch im vorigen Winter über den Inlandspreisen lagen, sind sie im Laufe des Jahres daruntergefallen. Dabei sind die Stahlpreise im Inland – die um die Jahresmitte aus Absatzgründen gesenkt werden mußten – schon selbst keine reine Freude mehr für die Erzeuger, die dennoch, um überhaupt im Geschäft zu bleiben, gern und großzügig Rabatte gewähren. Es ist eine Neuerscheinung des Jahres 1958, daß am innerdeutschen Stahlmarkt drei Preise nebeneinander existieren: der Listenpreis der Hüttenwerke, der niedrigere Importpreis und ein auf der Handelsstufe gebildeter „Mischpreis“.

Tatsächlich gibt auch die Entwicklung der Importe für die westdeutsche Stahlindustrie einigen Anlaß zur Sorge. Der Stahlverbrauch ist nämlich in der Bundesrepublik auch 1958 weiter – und war um drei bis vier H. – gestiegen. Aber diese Zuwachsrate ercheint nicht mehr, wie in rüheren Jahren, als Betellzugang in den Aufragsbüchern der westdeutschen Hüttenwerke. Auch in diesen Bereich der Grundstoffindustrie haben – billigere – Im->orte eine Bresche gechlagen. Als die deutchen Werke noch das Doppelte der Menge exportierten, die eingeführt wurde, und vor allem solange die eigenen Kapazitäten nicht ausreichten, im den innerdeutschen Bedarf zu befriedigen, waren Stahleinfuhren begreiflicherweise kein Problem. Jetzt indessen könnten nicht nur der normale Inlandsbedarf, sondern auch die Zuwachsrate und sogar noch höhere Exporte bequem aus der eigenen Produktion bestritten werden. Aber jetzt sitzt der Importstahl auf dem deutschen Markt fest im Sattel. Sein Anteil ist nicht nur auf 18 v. H. des Gesamtabsatzes geklettert, sondern er wird darüber hinaus auch noch unter den Preisen der Ruhr angeboten. Auf diese Weise ist die Abhängigkeit der eisenschaffenden Industrie von der Beschäftigung ihrer Hauptverbraucher spürbar lockerer geworden als in früheren Jahren.