Der „unnahbare Willy“, der „Zitterer“, das „frierende Mädchen“, der theatralische Opa“ – besser als heute ist es ihnen allen nie gegangen

Ben, Hamburg

Wirtschaftswunder? Viele bezweifeln, daß es das gibt. Aber daß es ein Bettlerwunder gibt – das kann niemand in Zweifel ziehen. Besser als heute ist es diesem dunklen Erwerbszweig noch nie gegangen.

Ich habe die Bettler bei ihren Geschäften beobachtet, habe zugesehen, wie reichhaltig ihre Mahlzeiten sind, war dabei, wie sie ihre „Almosen“ vertauschten oder versilberten – ich kenne ihre Schliche genau.

Einer der raffiniertesten unter seinesgleichen ist der Unnahbare Willy. Um halb sieben Uhr morgens verläßt er seine Matratze im Obdachlosenasyl und wirft sich in Schale. Das Jackett ist an den Ärmeln abgestoßen, aber der Schnitt ist ganz modern und die Hose ist gebügelt. Nach sorgfältiger Toilette begibt sich Willy in ein benachbartes Lokal und nimmt einen leichten Imbiß ein: drei Frikandellen, zwei Brötchen mit Butter, eine Tasse Fleischbrühe, zum Abschluß ein kleines Helles.

Anschließend geht er „ins Geschäft“, wobei er einen abgeschabten Pappkoffer mit sich führt, den er während seiner Tätigkeit in den Treppenhäusern verbirgt. Ein kurzes Klingelzeichen, die Tür wird geöffnet und Willy baut, wie er selber zugibt, seine „Nummer“ auf. Er macht eine knappe Verbeugung. Dann legt er los:

„Haben Sie etwas für mich zu tun? Ich kann so ziemlich alles! Ist ein Lichtschalter kaputt, oder darf ich Ihnen den Ascheneimer in den Keller bringen Bitte, haben Sie keine Angst! Übermorgen soll ich meine Stellung antreten. Ich komme aus der Fremdenlegion. Aber heutzutage sieht man den Leuten auf den Kopf und auf die Füße. Mein Anzug ist noch zu gebrauchen, aber mir fehlt ein Hut und mir fehlen ein Paar Schuhe. Haben Sie etwas für mich zu tun? Ich will weder den ausgedienten Hut, noch die alten Schuhe umsonst haben. In mir sehen Sie keinen Bettler!“