Korrespondenten der ZEIT berichten aus sechs Hauptstädten, wie Regierungen und Parlamente über die deutsche Krise denken

Der Anfang des Jahres 1959 ist beschattet von den Sorgen, die wir um Berlin haben. In diesem Augenblick ist es wichtig zu wissen, was die Politiker der Welt darüber denken, ob sie unsere Sorge teilen und wie weit sie bereit sind, sie mit uns zu tragen. Wir haben unsere Berichterstatter gebeten, ein möglichst prägnantes und nüchternes Bild aus ihrem unmittelbaren Beobachtungsfeld zu geben.

Was die Amerikaner sagen

Washington, Ende Dezember Der sowjetische Berlin-Vorstoß, der genau sechs Tage nach den amerikanischen Wahlen kam, wird in Amerika einhellig als die ernsthafteste kommunistische Bedrohung seit dem Prager Umsturz von 1948 betrachtet. Es hat hier im Sommer gegen das Libanon-Unternehmen und im Herbst gegen den starren Kurs in der Quemoy-Frage allerhand Opposition gegeben. Jetzt aber wird fast ausnahmslos die Meinung vertreten, daß Amerika Westberlin ohne Rücksicht auf die möglichen Konsequenzen verteidigen müsse.

Wenn also Chruschtschow sich eingebildet haben Sollte, das amerikanische Wahlergebnis könne die amerikanische Haltung in der Berlin-Frage in irgendeiner Weise verändern, so hat ihn seine Botschaft in Washington offenbar sehr schlecht beraten.

Denn obwohl die demokratische Opposition mit einer überwältigenden Mehrheit in beide Häuser des Kongresses eingezogen ist, gibt es Faktoren, die die Stellung der regierenden republikanischen Minderheit weit stärker machen, als es zunächst den Anschein hatte (vgl. DIE ZEIT, Nr. 45/1958). Sowohl Präsident Eisenhower als auch sein Außenminister Dulles haben nach wie vor mehr politische Macht, als die Zusammensetzung des neuen Kongresses vermuten läßt, und diese Macht ist durch die Berlin-Krise nur noch vergrößert worden.

Das heißt nun gewiß nicht, daß Dulles in seinem eigenen Lande etwa populärer werde. Sein nachdrückliches Auftreten, seine aufdringliche Selbstgefälligkeit, sein Stolz auf eine geradezu grimmige Unbeugsamkeit – all dies vermag ihm bei einer Nation wenig Sympathien einzutragen, die darauf aus ist, mit aller Welt gut Freund zu sein und die überdies die Russen als Volk ganz gewiß nicht haßt. Doch gegen seine Haltung in der Berlin-Frage sind innerhalb wie außerhalb des Kongresses kaum kritische Stimmen laut geworden. Und selbst dann, wenn seine Gesundheit den Belastungen des Amtes nicht mehr lange standhalten sollte, wird sich in diesem Punkte an der Dulles-Linie nichts ändern.