Hamburg, im Dezember

Ich betrat das Restaurant gerade rechtzeitig, um vor der nachmittäglichen Pause noch ein warmes Gericht serviert zu bekommen. Die Kellner, für die es zwischen Mittag- und Abendessen wenig zu tun gibt, unterhielten sich in einer ihnen reservierten Ecke hinter einem Wandschirm. Da es sehr still im Lokal war, wurde ich Zeugin ihres Gesprächs. Es ging um geschichtliche und politische Probleme, und dabei erwies sich, daß zwei der Kellner, die jüngeren anscheinend, fundierte und präzise Kenntnisse parat hatten. So erklärte einer von ihnen zum Beispiel sehr genau (und verwies dabei auf historische Beispiele) den Unterschied zwischen Volksabstimmung, Volksbegehren und Volksentscheid.

Politische Gespräche, die bei ähnlichen Gelegenheiten sonst zu hören sind, pflegen anders zu sein. Sie kommen selten über allgemeine Redensarten und ungefähre Darstellungen – „Ich versteh’ da ja weiter nichts von“ – hinaus. Die Unterhaltung, die ich hier nun mit anhörte, würde mich gewiß sehr erstaunt haben, hätte ich nicht gerade zuvor begonnen, mich mit dem Programm der Volkshochschulen zu beschäftigen. Tatsächlich erklärten die beiden, die soviel mehr wußten als ihre Kollegen, den anderen nach einer Weile, daß sie Vorlesungen der Volkshochschule über moderne Geschichte gehört hätten.

Diese beiden Kellner sind zwei von 42 807 Menschen, die allein in Hamburg und Umgebung im Arbeitshalbjahr 1957/58 Vorlesungen und Kurse der Volkshochschule besuchten.

Mir war aufgefallen, daß die beiden jungen Kellner, die ich stellvertretend für die Zweiundvierzigtausend kennenlernte, Kenntnisse wiedergaben, nicht Standpunkte. Es war nicht zu erkennen, welcher Partei, welcher Konfession oder welchem Verein sie angehörten. Und das fällt hierzulande auf, wo die Gewohnheit verbreitet ist, als Arbeiter, als Arbeitnehmer- oder Arbeitgeber, als Familienvater, als evangelischer oder katholischer Christ, als Mitglied einer Partei oder – wenn nichts Spezielles zu bieten ist – als Deutscher zu sprechen. Was die beiden vortrugen war – wenngleich kein weites Feld umfassend – ganz einfach Bildung.

Damit aber waren sie zwei Schüler, die dem Ziel der Volkshochschulen, freie Bildung zu vermitteln, ideal entsprachen. Die erwachsenen Menschen, die mit dem Besuch von Kursen und Vorlesungen der Volkshochschule freiwillig in die Schule gehen, sollen dort nicht unter Einflüsse gebracht werden, die ihnen die Wahl ihrer geistigen Position vorwegnähme. Sie sollen nicht instruiert werden, sondern gebildet.

Warum gehen die Menschen in die Volkshochschule? Warum verbringen sie, nachdem sie tagsüber ihr Arbeitspensum im Beruf erledigt haben, mehrere Stunden im Hörsaal, arbeiten in Arbeitsgemeinschaften, strengen sich an, nehmen etwas auf sich – anstatt passiv im Kino oder vor dem Fernsehapparat zu sitzen? Tun sie es, um ihre beruflichen Chancen zu vergrößern, um mehr leisten zu können und damit mehr Geld zu verdienen?