A. M., Paris, Ende Dezember

Seit den Kammerwahlen ist eine Kaskade unangenehmer Dinge auf die Franzosen niedergeprasselt, die doch ihr Schicksal in die Hände des Generals de Gaulle gelegt und damit alles in bester Ordnung geglaubt hatten. Nicht nur steigen die Preise beharrlich und bringen die Budgets der Familien in schwere Bedrängnis. Gleich nach den Wahlen ist auch eine neue Steuer eingeführt worden, die Bürgersteuer (Taxe civique), die besonders die älteren Rentner hart trifft. Nachher kam die Erhöhung der Mieten, und es hat eine schleichende Wirtschaftskrise eingesetzt.

All dem setzen nun freilich die angekündigten Währungsoperationen die Krone auf. Der Mann auf der Straße durchschaut zwar nicht, was sich hinter all den Fachausdrücken verbirgt, die die Schlagzeilen der Zeitungen zieren. Aber die Meinung ist weit verbreitet, daß wieder wie 1957 eine Abwertung vorgenommen wird – gerade weil in allen offiziellen Verlautbarungen wie damals das Wort „Abwertung“ peinlich vermieden wird. Eine Abwertung aber trifft immer die kleinen Leute am stärksten; die anderen haben ihre Reserven ohnehin in der Schweiz oder sonstwo im Ausland.

Auf jeden Fall begegnet man mehr und mehr Leuten, die sagen: „Wenn wir das gewußt hätten, ja, dann hätten wir am 28. September nicht mit Ja gestimmt!“

Vor allem aber kommt der sich abzeichnende Stimmungsumschwung natürlich den Kommunisten zugute. Es hat sich bereits zu ihren Gunsten ausgewirkt, daß man sie mit Hilfe des Mehrheitswahlsystems praktisch aus der Kammer entfernt hat, obwohl sie immer noch ein Fünftel der Wählerschaft repräsentieren. Nun können sie noch lauter ihre Propagandathese verbreiten, daß die Politik der Grandeur Geld koste und daß die Rechnung vor allem dem kleinen Mann präsentiert werde.

Es ist gut möglich, daß sich mit den wirtschaftlichen Maßnahmen der letzten Wochen ein erstes Abflauen der gaullistischen Welle anzukünden beginnt. Typisch ist, daß der sozialistische Generalsekretär Guy Mollet bereits erwägt, ob er als Staatsminister demissionieren soll. Dieser kluge Taktiker scheint sich also zu überlegen, ob nicht die Opposition für seine Partei doch lohnender werden könnte.

Eine andere, bereits vollzogene Demission ist ebenfalls aufschlußreich; die von Mendès-France als französischem Vertreter beim Internationalen Währungsfonds. Es dürfte sich dabei nicht einfach um eine Reaktion dieses Politikers auf seine Wahlniederlage handeln; offensichtlich will Mendès-France auch mit den kommenden Finanzoperationen nicht belastet sein.

Das sind Optionen auf die Zukunft, die nachdenklich stimmen. (Siehe auch den Wirtschaftsteil)