Von Armin Mohler

Paris, Ende Dezember

Drei Gaullisten stehen heute im Mittelpunkt des Interesses. Unter ihnen ist Jacques Soustelle zweifellos die bedeutendste politische Begabung. Er verkörpert innerhalb der „Union für die neue Republik“ (UNR) jene technische Intelligenz, die sich die Politik als eiskaltes Planspiel zurechtlegt. Daneben ist der „andere Jacques“, nämlich der neue Kammerpräsident Chaban-Delmas, ehemals ein bekannter Rugbyspieler und heute Bürgermeister von Bordeaux, der glamour boy der Bewegung. Die „Unbedingten“ unter den Gaullisten aber haben es diesem eleganten und charmanten Politiker bis heute nicht verziehen, daß er unter der Vierten Republik mehrmals Ministerwürden annahm, während der General de Gaulle grollend in seinem Dorfe saß. Und wieder ein anderer Typus ist Michel Debré den de Gaulle im Frühjahr zu seinem Justizminister gemacht hat: er ist die „Flamme“ der Bewegung, er vertritt am reinsten den Idealismus, der den Gaullismus trägt. Und da er unter den dreien als derjenige gilt, der dem General am neuesten ergeben ist, gibt man ihm am meisten Chancen, von de Gaulle zum ersten Ministerpräsidenten der Fünften Republik ernannt zu werden.

Als wir Debré zum erstenmal sahen, lag die zweite Machtergreifung durch de Gaulle noch in weiter Ferne. Debré war damals nur Senator, aber der aufsässigsten einer, der dem „System“ unermüdlich mit Interpellationen, parlamentarischen Anfragen und scharfen Diskussionsvoten zusetzte. Er gab ein Zwei Wochenblatt, den „Kurier des Zornes“ heraus, in dem erbittert die koloniale „Verzichtpolitik“ (politique de l’abandon) der „Systempolitiker“ angegriffen wurde. Der Verlag Plön hatte damals in seiner Reihe „Freie Tribüne“ Debrés Pamphlet gegen „... diese Prinzen, die uns regieren“ herausgebracht.

Ich fuhr in ein kleines Lokal des Quartier Latin, in dem Debré vor Studenten sprechen sollte. Ich wollte mir ein Urteil über diesen seltsamen Mann bilden. Gehörte er zu jenem in Frankreich nicht seltenen Politikertypus, der das „System“ bloß angreift, um sich selbst in den Sessel zu setzen?

Es erschien ein zierlicher, bleichgesichtiger Mann mit starren Augen, der mit einer vom Sprachfehler leicht behinderten Zunge, aber überzeugend von der Notwendigkeit der Wiederaufrichtung des Staates sprach. Man spürte sogleich: dem war es ernst! Aber man fragte sich auch: Was wird dieser Unbedingte tun, wenn er einmal nicht mehr in der Opposition sein sollte? Wenn er am Staatssteuer stünde, wo er zu täglichen Kompromissen mit der Wirklichkeit gezwungen würde?

Nun, das Schicksal seines Kampfblattes ist schon bezeichnend. Als Debré von de Gaulle zum Justizminister und Siegelbewahrer ernannt wurde, taufte er es in „Kurier der Nation“ um – als „Regierungsorgan“ konnte es ja nicht mehr gut „Kurier des Zornes“ ~~~ Aber jetzt fehlte dem Blatt plötzlich der Pfeffer, und es ging – trotz der gaullistischen Welle – schon im Herbst ein.