Erlebnis eines Effektenkassierers

Wenn mir heute abend an der Bahnsteigsperre plötzlich ein Bronto-Saurier begegnet, werde ich mich nicht mehr wundern als über den Schalterkunden, der soeben vorbeikam.

An sich kenne ich ihn längst, den weißhaarigen Achtzigjährigen. In irgendeiner grauen Systemzeit ist er Staatssekretär gewesen. Als man ihn hinaussetzte, wurde er in karitativen Verbänden tätig. Außerdem lebt er noch einem hoffnungslosen Ehrgeiz: nämlich seinen Enkeln ein bescheidenes Zehntel von dem zu hinterlassen, was ihm einstmals von seinen Eltern zufloß. So sehe ich ihn öfter, denn Seine paar Zinsscheine bringt er (wozu das Porto?) selbst vorbei.

„Herr Staatssekretär“, sagte ich zu ihm, „es ist meine Pflicht, Sie darauf hinzuweisen, daß Sie mit Ihrem Sparvertrag erst 1200 DM für 1958 an Sonderausgaben belegt haben. Für Sie und Ihre Frau stehen Ihnen aber 4Ö0Ö DM zu.“

„Ach ja“, sagte der Kunde, „die Zeitungen lese ich auch und verstehe sie sogar noch; Aber mehr als die 100 DM für den Ratensparvertrag bleiben bei mir im Monat nicht über. An so einer Großvaterpension hängt eben mancher dran.“

„Aber entschuldigen Sie nur, das ist doch das Einfachste von der Welt! Nehmen Sie nur die 3000 DM in Pfandbriefen, die Sie schön längst besitzen, und tauschen Sie diese gegen neue Sechsprozentige, die Sie auf drei Jahre festlegen. Alle Welt macht das so; das Material an Sechsern wird darum schon knapp, also ist es eilig.“

Ich erntete nur ein feines, etwas undurchdringliches Lächeln. Dann hörte ich: „Junger Mann, vielleicht können Sie heute etwas von mir lernen. Was der Staat da veranstaltet, ist ein widerwärtiger Jahrmarkt. Auf lange Sicht hält aber eben dieser Staat nur so lange zusammen, wie es noch Leute gibt, die da nicht mittanzen; Auf Wiedersehen