Von Ludwig Marcuse

In Deutschland sind neuerdings mindestens drei Schriften über Leibniz erschienen. Und eine eben veröffentlichte Geschichte der Philosophie räumt ihm überraschend viel Platz ein: fünfmal soviel wie Bacon und Descartes zusammen, viermal soviel wie Spinoza, viel, viel mehr als fast allen großen nachkantischen Denkern.

Trotzdem wäre es falsch, von einer Leibniz-Renaissance zu sprechen. Er war nie vergessen und braucht deshalb nicht wiedergeboren zu werden. Seit je begann jedes Kapitel über diesen Denker mit einer Reverenz vor dem Polyhistor. 1926 sprach Paul Valéry in Berlin von einer „Leibnizisation“ Europas: vom Wachsen des europäischen Gedankens, den er so stark genährt hat. Viel eher ist möglich, daß man in Zukunft eine größere Distanz gewinnen und nicht immer wieder die üblichen Wendungen zitieren wird. Denn universales Wissen ist nicht mehr so attraktiv, nachdem, man eingesehen hat, daß es menschenunmöglich geworden ist. Und der Europa-Gedanke ist vielleicht, wie einige heute schon fühlen, praktisch überholt von dem Ideal größerer Einheiten.

Aber da ist ein Zug dieses Mannes, der ihn Heute manchem als besonders zeitgemäß erscheinen läßt: Leibniz, der Versöhner, der die „Befreundung jedes Dinges mit jedem anderen“ lehrte. Er war sowohl für Platon als auch für Demokrit, sowohl „Parteigänger der Scholastik“ (wie er schrieb) als auch der modernen Naturwissenschaft, sowohl Parteigänger der mittelalterlichen Theologie als auch des aufblühenden philosophischen Rationalismus. An der Grenze zwischen den Zeitaltern des Glaubens und des Wissens war er der Herr „Sowohl-Als-Auch“. Und damit kann er tatsächlich für eine bestimmte Tendenz in unseren Tagen – eingesetzt werden.

Daß der große Jurist, Logiker, Psychologe, Mathematiker, Semantiker und Ingenieur Leibniz zu gleicher Zeit ein gläubiger Christ war, ist die Essenz des Buches:

„Gottfried Wilhelm Leibniz“; Auswahl und Einleitung von Friedrich Heer; Fischer Bücherei, Frankfurt a. M.; 220 S., 2,20 DM.

Der Herausgeber dieser Auswahl schrieb eine „Einleitung“: übervoll von geistesgeschichtlichen Informationen – auch so ausgezeichneten wie der Hinweis auf die besondere Bedeutung des Wortes „Maschine“ im Barock. Aber solche Belehrungen sind nur die Außenseite einer verkappten Streitschrift, in der Leibniz als Banner gegen die Ungläubigen dieser Tage hingestellt wird. Da sein populärster Satz die Auszeichnung unserer Welt als „die beste aller Welten ist, macht Heer sich zum Anwalt dieser reichlich bewitzelten Wendung. Leibniz, erklärt er, meine nicht „das kleine Glück und die billige Seligkeit einer unmöglichen Selbstbehauptung und Selbstversicherung im Eigenzustand“.