GK, München

Professor Dr. Jakob Bauer hat einen ungewöhnlichen Lebenslauf. Er wurde 1906 als Sohn eines Glasbläsers im Bayerischen Wald geboren, arbeitete zunächst wie sein Vater als Glasbläser und später als Krankenpfleger bei Geheimrat Sauerbruch und Geheimrat Lexer. Mit 23 Jahren begann er auf Anraten der beiden großen Mediziner als Privatschüler die Pennälerzeit nachzuholen, machte das Abitur und studierte an den Universitäten Würzburg und München.

Das medizinische Staatsexamen bestand er mit dem Prädikat „sehr gut“; mit summa cum laude promovierte er zum Dr. med. Im Jahre 1943 habilitierte er sich an der Universität München, leitete anschließend ein sogenanntes Aus weichkrankenhaus und später das Feldlazarett einer Heeresgruppe. Seit 1946 hat er in München eine kleine Privatklinik, ist seit 1949 Professor für innere Medizin und wurde in diesen Tagen vom Münchener Stadtrat zum Chefarzt der II. Medizinischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses München-Schwabing ernannt.

Das diese Karriere, den Jakob Bauer vom Glasbläser zum Chefarzt führte, jetzt rechtes Aufsehen erregte, dafür sorgten drei seiner Kollegen, die Münchener Universitätsprofessoren Gustav Bodechtel (Direktor der II. Medizinischen Klinik), Walter Seitz (Direktor der Medizinischen Poliklinik) und H. Schwiegk. Sie protestierten gegen Bauers Berufung zum Chefarzt – und zwar auf höchst ungewöhnlichem Weg: Nachdem sich der Personalausschuß des Stadtrates bereits für Bauer entschieden hatte, ließen die drei Professoren am Abend vor der endgültigen (nichtöffentlichen) Abstimmung der Vollversammlung des Stadtrates dem Oberbürgermeister in seine Privatwohnung ein Protestschreiben überbringen. Gleichzeitig sorgten sie dafür, daß die Morgenzeitungen saftige Schlagzeilen hatten. Der Stadtrat entschied sich trotzdem für Professor Bauer. Aber der Chefarzt-Skandal war da.

Bauers Gegner argumentierten, es sei ihnen nur darum zu tun, daß ein Mann die Chefarztstelle einnimmt, der über langjährige Erfahrungen als Oberarzt einer großen Klinik verfügt. Eben diese Vertrautheit mit einem großen Betrieb aber fehle Bauer. Persönlich wolle man Professor Bauer selbstverständlich nicht angreifen, versichern seine Gegner. Freilich hatten sie das Ihre dazu getan, daß die Öffentlichkeit über Bauers ungewöhnlichen Aufstieg hinreichend unterrichtet wurde.

In den weihnachtlichen Tagen hob sodann ein eifriges Diskutieren, Telephonieren, vertrauliches Brief- und öffentliches Leserbriefeschreiben für und wider den Professor Bauer und für und wider seine Widersacher an. Ist Professor Bauer tatsächlich nicht als Chefarzt einer großen Klinik geeignet? Sind etwa politische Kräfte im Spiel? Hatte die SPD-Rathausfraktion mit ihrer absoluten Mehrheit wieder einmal einen Kraftakt vorführen wollen? Aber steht nicht Professor Bauer der CSU viel näher, ist nicht einer der Protestbrief-Unterzeichner ein SPD-Mann? Warum hat also der Stadtrat den Professor Bauer als Chefarzt berufen, und was hat die drei Kollegen zu dem merkwürdigen öffentlichen Protest bewogen?

Alle möglichen Kombinationen kursierten. Über die Hintergründe sagt der städtische Krankenhausreferent, Dr. Erwin Hamm: „Wir hatten die Internisten der Münchener Universität bereits im Herbst des vergangenen Jahres darum gebeten, sich für einen Kandidaten zu entscheiden. Sie wurden sich aber nicht einig.“