Von Johannes Jacobi

Als Heinz Tietjen vor bald drei Jahren seine erste Pressekonferenz im Foyer der Hamburgischen Staatsoper abhielt, gab er nebenbei bekannt, er habe Wieland Wagner eingeladen, in Hamburg zu inszenieren. Lange Piuse an den Gästetischen. Man nahm einen Kognak. Ein Journalist fragte dann doch, ob Herr Wagner den „Parsifal“ inszenieren werde?

Nun zeigte Tietjen Erstaunen und antwortete: „Ach, Sie meinen, weil er Wagner heißt? Ich kann ihnen verraten: Als Wieland Wagner wiederholt in Richard-Wagner-Festspielen in Barcelona war, hat er die spanische Frau entdeck:. Und nun brennt er darauf, ‚Carmen‘ zu inszenieren.“

Das ist Weihnachten 1958 verwirklicht worden. Der Wagner-Enkel inszenierte das „Anti-Stück“ zu Bayreuth. Als nämlich Nietzsche von seinem Freunde Richard Wagner abgefallen wir, da spielte er gegen dessen „unendliche Melodie“ die Musik Bizets aus, weil diese in ihren geschlossenen Nummern „fertig wird ... und nicht schwitzt“. Außerdem pries Nietzsche nach Richard Wagners christlich verstandener Liebe den Gegensatz: die Carmen – „Liebe als Fatum, als Fatalität, zynisch, unschuldig, grausam – und eben darin Natur“.

Genug der Ideologie. Man sollte Wieland Wagner nicht allzusehr auf den historischen Ideenkreis und um Bayreuth festlegen. Er hat ohnedies eine eigene Festspielpraxis nicht zu Hause gelassen und stellenweise versucht, seinen Wagner-Begriff von antiker Schicksalstragödie in dieses spanischfranzösische Eifersuchtsdrama hineinzustilisieren. Das wurde dann Ideenkonstruktion à la Neubayreuther Scheibe. José und Carmen, Escamillo und Carmen, die sich auf den Leib rücken müßten, sich etwas Menschliches zu sagen haben, stehen auf Bühnenweite voneinander getrennt.

Nein, das Interessante, vielleicht gar Sympathihie des Hamburger Versuchs liegt anderswo. Wiegand Wagner, der ja ein Selfmademan der Regie ist, mußte einmal Theaterfarbe bekennen, ohne daß er sich den ganzen Abend hinter seinen konstruierten „Ideen“ verschanzen konnte. Dabei ist allerlei zutage getreten.

Als moderner Spielleiter sucht er einen Weg zwischen Tietjen und Rennert. Tietjen, Rudolf Hartmann, Wolf Völker, sie repräsentieren eine musikalisch legitimierte Schauspielregie in der Oper, wie sie seit Carl Eberts Darmstädter Opernreform in Deutschland verbindlich geworden war. Rennert behielt in der Solistenführung die schauspielerische Selbstverständlichkeit bei, machte dazu die oratorische Oper fruchtbar für die blockhafte Behandlung von Chorszenen. Das war ein Gewinn, weil Chöre ein Gruppenganzes, keine auflösbare Summe von Individualitäten darstellen.