In Amerika und England beschäftigt man sich zur Zeit mit dem Problem der Regierungshilfen für die „schrumpfenden“ Luftfahrtindustrien, die sich in der Umstellung auf Raketenproduktion befinden. Selbst im Zeitalter schneller Entwicklungen war die Strukturveränderung innerhalb der Luftfahrtindustrie verblüffend; sie spielte sich vornehmlich im vorigen und diesem Jahre ab. Heute kann man bereits erkennen, daß Flugzeugwerke mit Anlagen für einen militärischen Massenverbrauch, wie ihn der zweite Weltkrieg kannte, der Vergangenheit angehören.

Mitte 1957 strich die US-Regierung aus Ersparnisgründen viele Posten ihres Bestellprogramms und brachte damit die Luftfahrtindustrie, die bis dahin eine recht stabile Entwicklung zeigte, in einen „Engpaß“ größten Ausmaßes. In der zweiten Hälfte des Jahres erfolgte ein zweiter Schlag: Die Sowjets starteten mit Erfolg die ersten interkontinentalen Raketen und anschließend ihre Erdsatelliten. Die Folge war, daß viele – vorher vom Pentagon gestrichenen – Aufträge plötzlich wieder erneuert wurden und dies vornehmlich auf dem Sektor der Fernlenkkörper.

Besonders begünstigt wurde die Entwicklung elektronisch ferngesteuerter Fernlenkkörper (missiles). Durch diese Verlagerung der Produktion begann sich das Marschziel der Industrie erheblich zu ändern, es machte sich ein neuer Trend bemerkbar, der jedoch keinen expansiven Charakter hat, sondern eine schrumpfende Tendenz zeigt. Dies war aber nicht nur in den USA so, sondern auch in England, wo ebenfalls ab 1957 seit Erscheinen des Weißbuches der Regierung über das neue Rüstungsprogramm „umgerüstet“ wurde. Allerdings ist es dem Inselreich, anders als den USA, noch nicht gelungen, die Schrumpfung durch massive Regierungsbestellungen auf Fernlenkkörper abzufangen; denn England hatte aus Kostengründen nur in bescheidenem Maße Raketen entwickelt und sich auf den Import bewährter US-Geschosse verlassen.

Besonders für die USA und die Sowjetunion, die ja ebenfalls auf dem Raketensektor führt, ist heute prinzipiell festzustellen: die Herstellerwerke gehen bei Aufträgen im Gegensatz zum bisherigen Kurs dazu über, ihre Spezialteile selber zu bauen und eine „komplexe“ Produktion zu entwickeln. Die Flugzeugwerke arbeiten heute mehr an Flugkörpern als an Flugzeugen.

Typisch ist fernerhin, daß die Flugzeugwerke mit Unternehmen fusionieren, die die Geschosse mit elektronischen Leitsystemen ausrüsten können. Über die Elektronik gelangt so eine Reihe von Unternehmen in den Markt, die bisher innerhalb der Luftfahrtindustrien unbekannt waren. Ähnlich dürfte es auch innerhalb der Sowjetunion aussehen, die ebenfalls, sekundiert von der Tschechoslowakei und Ungarn, eine ansehnliche Industrie für elektronische Apparate entwickelt hat.

Verschärfend wirkt sich die prekäre Finanzlage der Fluggesellschaften aus, die mit Aufträgen zurückhalten. Heute sind weder Düsen- noch Senkrechtstart (VTO)-Flugzeuge stark gefragt, und besonders die britischen Werke tendieren zur Zusammenlegung ihrer Kräfte. Selbst die vorher lebhafte Nachfrage nach britischen Turbotriebwerken nahm derartig ab, daß in England statt sechs Triebwerkherstellern zwei den Anforderungen der Zukunft genügen dürften. H.-H. K.