Als der „Christian Science Monitor“, eine der angesehensten Tageszeitungen der Vereinigten Staaten, letzten Oktober anläßlich seines fünfzigsten Geburtstages eine umfangreiche Sonderausgabe herausbrachte, da zeigte das vierfarbige Titelblatt – man möchte fast sagen: „selbstverständlich“ – das Bild einer himmelwärts strebenden Rakete. Denn fast unbemerkt hatte sich im Laufe dieses Jahres 1958 ein bezeichnender Symbolwechsel vollzogen. Während der ersten zwölf Nachkriegsjahre galten Modelle von Atomkernen als „Spitzmarke“ der Epoche. Man sprach vom „Atomzeitalter“, man stellte das „Atomium“ als für unsere Zeit typisches Sinnbild noch in den Mittelpunkt der Brüsseler Weltausstellung. Aber mit den ersten Erfolgen der sowjetischen und amerikanischen Astronautik begann bereits der Umschwung. Aus dem „atomic age“ ist die „Space era“ geworden. Das Zeichen der Zeit ist nunmehr ein in bisher menschenferne Räume vorstoßender Riesenpfeil geworden.

Dieser Wechsel ist nicht nur in der Aktualität begründet, sondern dürfte tiefere Ursachen haben. Während am „Atom“ unvergeßlich der Schandfleck der Katastrophen von Hiroshima and Nagasaki klebte, hat man den Fernraketen, die ja schließlich auch Geschöpfe des zweiten Weltkrieges waren, ihren Sündenfall, die Zerstörung weiter Striche Südenglands, leichter verziehen. Sie scheinen nicht die totale Vernichtung der bestehenden Welt, sondern die Gewinnung neuer Welten zu verheißen. So sind diese gigantischen, den Sternen entgegengerichteten Zylinder Kristallisationspunkte eines wiederauferstandenen Fortschrittsglaubens geworden.

Wo kein Status quo herrscht

Während die Versuche zur Entwicklung immer stärker oder vielfältiger verwendbarer Atomwaffen der Menschheit berechtigte Angst einflößen, läßt sich der größte Teil der Tests zur Erprobung und Verbesserung von Raketenwaffen als Bemühung um die Erschließung einer neuen Dimension darstellen und löst daher statt Furcht die kühnsten Erwartungen aus. Die Tests der Ferngeschosse regen die Phantasie an, stillen die Lust nach dem großen Abenteuer und reißen in einer Zeit des außenpolitischen Status quo und des innenpolitischen Immobilismus endlich wieder Perspektiven dynamischen Handelns auf. Denn da oben am Himmel gibt es vorläufig noch Regionen, die keinem der beiden großen „Blöcke“ gehören. Die Weite des Raumes weckt die Illusion des auf der Erde verlorenen „Spielraumes“. Ja sogar die Hoffnungen auf eine „bessere und schönere Welt“, die hienieden auf unserer armen Erde nicht im Westen und schon gar nicht im Osten Erfüllung fanden, finden „dort oben“ neue Nahrung.

Das fällt besonders bei einer Betrachtung der Stimmung in den Ländern des Sowjetblockes auf. Eine Studie über den Inhalt sowjetrussischer Publikationen in den Monaten März bis Mai 1958 zeigt, daß der überwiegende Teil aller Nachrichten, Aufsätze und Reden, die sich mit der nahen und weiteren Zukunft befaßten, den Perspektiven einer Eroberung des Weltraumes gewidmet war! Sicherlich zum ersten Male in der Geschichte des Bolschewismus tritt die Vision einer neuen politischen und sozialen Weltordnung in den zweiten Rang zurück. Das scheint auch in Sowjetrußland selbst einiges Erstaunen erweckt zu haben. So schrieb kürzlich zum Beispiel ein Leser an das Millionenblatt der kommunistischen Jugendorganisation, die „Komsomalskaya Prawda“, er verstehe nicht, weshalb man so enorme Mengen an Geld, Materialien, technischem Können, ja sogar Menschenleben für „Sputniks“ und andere Raumprojekte aufwende statt für den „sozialistischen Aufbau“.

Dürfte es heute in der Sowjetunion soziale Kritiker von der Gedankenschärfe eines Lenin geben, so würden sie vielleicht in der religiöse Formen annehmenden Weltraumbegeisterung eine Art „Opium für das Volk“ sehen, geeignet, es von der Kritik an der „neuen Klasse“, ja vielleicht sogar von der Veitrevolution selbst abzulenken. Daß der kritische Leser der „Komsomolskaya Prawda“ eigentlich eine gesellschaftspolitische Frage stellen wollte, scheint die Redaktion nicht erkannt zu haben, dem sie ließ den Brief von einem Astrophysiker beantworten.