Einziger Schatten: Ost-West-Spannungen – Eine Aktienhausse auf gesunder Grundlage

Von Kurt Wendt

Zum ersten Male nach dem Kriege hatte das Kapital in dem jetzt ablaufenden Jahr einen Markt, den man – mit kleinen Einschränkungen – als echt bezeichnen kann. Der Grundstein dafür wurde allerdings viel früher gelegt, nämlich 1956, als die Robert Bosch GmbH die erste tarifbesteuerte achtprozentige Anleihe auflegte. Damals wurde der Zinsfuß hart angegriffen und manchmal auch wohl als exotisch bezeichnet. Wenn man jedoch zurückblickt, dann wird man zugestehen müssen, daß diese acht Prozent das mindeste waren, was man dem Kapitalgeber bieten mußte. Der Markt für festverzinsliche Werte begann wieder, mit den Schuldscheindarlehen konkurrieren zu können. Mit Beginn dieses Jahres ist die Serie achtprozentiger Anleihen ausgelaufen. Die Deutsche Shell AG legte bereits am 2. Januar 1958 die erste Anleihe zu 7 1/2 v. H. auf, die Esso AG konnte es sich leisten, am 3. März eine Emission von nur 7 v. H. anzubieten, am 28. Juni sank der Anleihezinsfuß auf 6 1/2 v.H. (Bergbau Neue Hoffnung), am 25. Juli auf 6 v.H. (Landwirtschaftliche Rentenbank) und am 3. Oktober auf 5 1/2 v.H. (Gelsenberg Benzin). Entsprechend fiel der Zinssatz bei den Pfandbriefen, wo er jetzt auf 5 v.H. (tarifbesteuert) angekommen ist. Allerdings sind diese Papiere zur Zeit wenig begehrt.

Das Tempo der Zinssenkung – forciert von der Bundesbank und unterstützt durch den Zentralen Kapitalmarktausschuß der Banken – war nur möglich, weil sich die Wirtschaft und vor allem der Bankenapparat praktisch von Monat zu Monat mehr verflüssigten. Wenn es auch manche Banken nicht gern zugeben, so war es doch so, daß der Einlagenanstieg weitaus stärker war als die Nachfrage nach kurzfristigen Krediten so daß es für die Banken geradezu notwendig wurde, den Zins für Spar- und Termineinlagen so weit unter die gesunkene Kapitalmarktrendite herabsetzen zu lassen, daß ein wirksamer Anreiz zum unmittelbaren Erwerb von Wertpapieren erhalten blieb bzw. geschaffen wurde. Das ist nicht in vollem Umfang gelungen, denn die Sparkassen sind auf diesem Wege nicht ganz mitgegangen. Ihr Geschäft basiert letzten Endes auf den Spareinlagen und nicht auf dem direkten Wertpapiergeschäft. Daß dem Wertpapiermarkt über die Anlagekäufe der Sparkassen ein großer Teil der Spareinlagen dennoch zugeflossen ist, steht auf einem anderen Blatt. Weiter darf man nicht verkennen, daß die Sympathien vieler Kleinsparer in dieser Angelegenheit auf Seiten der Sparkassen sind. Kleinkredite – ein Ausweg?

Der Mangel ausreichender Kreditnachfrage ließ die Banken nach neuen Geschäftsmöglichkeiten Ausschau halten. Dabei schied selbstverständlich eine Kreditgewährung, der nicht bankenübliche Sicherheiten zu Grunde lagen, auch weiterhin aus, wenngleich es den Anschein hat, als wenn man hier und dort in diesem Punkt gegenwärtig etwas großzügiger operiert. Waren nach dieser Richtung also Grenzen gesetzt, so will man sich nun offensichtlich mit dem sogenannten Kleinkredit einen neuen Kundenkreis schaffen. In England hat der Kleinkredit eine spürbare Geschäftsbelebung gebracht. Die Bankenaufsichtsbehörden der Länder brachten in diesen Tagen eine Anordnung über die Kosten der Kleinkredite mit Verpflichtung zur regelmäßigen Tilgung heraus. Als Kleinkredite gelten Darlehen bis zum Betrage von 2000 DM, die in einem Zeitraum von mindestens 6, höchstens aber 24 Monaten in gleichen Teilbeträgen (Personalkredit). Wer glaubt, sich Gegenstände des täglichen Bedarfs auf Kredit kaufen zu müssen, konnte bislang die Teilzahlungskreditinstitute in Anspruch nehmen, die nicht kleinlich arbeiten und dennoch mit der Schuldnermoral gute Erfahrungen gemacht haben. Das Neuland ist recht schmal, das sich der „Kleinkredit“ erobern kann!

Nun ist nichts verfehlter als anzunehmen, die Gesundung des Kapitalmarktes wäre lediglich eine Folge der vermehrten Wertpapieranlagekäufe der Banken, denen es an Verwendungsmöglichkeiten für Einlagen fehlte. Die Verflüssigung unserer Wirtschaft hat sich überall ausgewirkt und ganz allgemein die Spartätigkeit befruchtet. Allein die Spareinlagen werden in diesem Jahr voraussichtlich um 7 Mrd. DM zunehmen – gegenüber 5 Mrd. DM in 1957. Der Absatz an festverzinslichen Wertpapieren betrug von Januar bis Oktober 1958 insgesamt 7,24 Mrd. DM, das ganze Jahr 1957 brachte nur einen Absatz von 4,18 Mrd. DM. Besonders erfreulich ist, daß die Realkreditinstitute gute Placierungserfolge im privaten Bereich erzielen konnten und damit eine gesündere Basis gewannen. Es dürfte mit der Schwierigkeit der Kreditinstitute zusammenhängen, geeignete Verwendungsmöglichkeiten für bei ihnen eingezahlte Spargelder zu finden, wenn in diesem Jahr die Kundschaft intensiv auf den zum letzten Male möglichen Abschluß von steuerbegünstigten Wirtpapiersparverträgen aufmerksam gemacht wurde.

Dabei wirkte sich als hemmend aus, daß die Emissionen, die für das steuerbegünstigte Wertpapiersparen zugelassen sind, kaum mehr am Markt waren. Das ist bedauerlich, denn die Erfahrung hat gezeigt, daß gerade über das steuerbegünstigte Sparen dem Pfandbrief neue Freunde gewonnen werden können.