Von Waldemar Ringleb

Die Chemie gehört zu den dynamischen Wirtschaftszweigen der deutschen Industrie. Mit einer durchschnittlichen jährlichen Zuwachsrate im Zeitabschnitt 1938/1957 von 4,6 v. H. liegt sie nicht unerheblich über der verarbeitenden Industrie Westdeutschlands. Diese hat es nur auf 3,5 v. H. gebracht.

Der Produktionsindex der Chemie betrug im Schnitt des Jahres 1957 222,5 (Basis 1938 = 100). Er wurde im Bereich der Verarbeitung nur übertroffen von der elektrotechnischen Industrie mit 446,3 und von den Mineralölverarbeitern mit 343,6. Der Maschinenbau lag dagegen mit 187,8 und die Textilindustrie mit 180 erheblich zurück.

Dieses für die chemische Industrie erfreuliche Bild gibt nun allerdings keinen Grund zum Jubilieren. Eine Analyse der statistischen Zahlen zeigt nämlich auch einige Schatten. In den letzten Monaten sind sie recht deutlich in Erscheinung getreten. Der langanhaltenden Schönwetterperiode des Wiederaufbaues folgten die Wolken. Sie künden zwar keinen Sturm an, aber sie mahnen zur Vorsicht, weil Fehlentscheidungen nicht mehr – wie in den Vorjahren – durch eine stürmische Expansion gleichsam von selbst korrigiert werden. Diese hat nämlich auch im Chemiebereich offenbar ihr Ende gefunden; eine normale Entwicklung scheint sich anzubahnen. Die nachstehenden Umsatzzahlen der Chemischen Industrie zeigen dies:

Die Verlangsamung des Expansionsprozesses hat ihren Grund darin, daß in Deutschland, aber auch im konkurrierenden Ausland, die im Krieg zerstörten oder veralteten Fertigungskapazitäten aufgebaut und nun zum Einsatz gekommen sind. Sie reichen im Augenblick zur – Versorgung des Marktes voll aus; dies gilt vor allem für die Grundchemikalien. Kunststoffe z.B. zeigen eine gänzlich andere Entwicklung. Bei ihnen lag im ersten halben Jahr 1958 die Erzeugung noch um rd. 15 v. H. höher als in der Vergleichszeit des Vorjahres. Die stürmische Entwicklung ist hier also noch voll im Gange, Der Zuwachs läßt allerdings auch hier nach.

Der Ausbau der Kapazitäten hat zu einer gewissen Marktsättigung geführt und damit zu einer Verschärfung der Konkurrenz. Vor allem im internationalen Bereich ist das zu spüren. Im Exportgeschäft liegt zur Zeit der neuralgische Punkt der chemischen Industrie.

Die Ausfuhr ist lebenswichtig für die deutsche Chemie. Die technische Entwicklung zwingt zu großen Fertigungsanlagen mit Kapazitäten, für die der nationale Markt der Bundesrepublik zu klein ist. Die deutsche Chemie ist deshalb auf den Weltmarkt angewiesen. Für sie ist eine auf Liberalisierung und Integrierung gerichtete Wirtschaftspolitik lebenswichtig. Sie begrüßt deshalb die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, aber nur insoweit, als sie einen ersten Schritt zur Freihandelszone darstellt.