J. K., Paris, Ende Dezember

Frankreich hat zwischen Weihnachten und Neujahr die bedeutendste und weitgehendste Währungs- und Wirtschaftsreform der letzten Jahre unternommen. Sie ist nur mit dem Reformwerk Poincarés des Jahres 1928 vergleichbar. Da sich aber Frankreich gleichzeitig neue politische Institutionen gegeben hat, die dem Regime eine größere politische Stabilität zu geben versprechen, dürften die Vorbedingungen für ein Gelingen dieses neuen Experimentes gegeben sein.

Die Abwertung des Franc um annähernd 15 v. H. seines Goldgehalts gibt der französischen Exportwirtschaft die Möglichkeit, ihre Wettbewerbsverhältnisse nicht nur gegenüber den EWG-Partnern, sondern ganz allgemein auf den Weltmärkten zu verbessern. Denn die Diskrepanz zwischen französischen und ausländischen Preisen erreichte oder überstieg nur für einen Teil der Produktion den jetzigen Abwertungssatz. Außerdem hat die französische Exportindustrie, unterstützt durch die Regierung, angefangen, ihre Exportpreise schärfer als die Inlandspreise zu kalkulieren, ohne daß ihr bisher ein Dumping nachgewiesen werden konnte. Andererseits schützt die Erhöhung der Importpreise die nationale Industrie vor einer zu scharfen Konkurrenz. Aus diesem Grunde erschien der französischen Regierung auch die Ausdehnung der Einfuhrliberalisierung aus den OEEC-Staaten auf 90 v. H. der privaten Einfuhren von 1948 (ungefähr 65 v. H. auf der Basis der Einfuhren von 1956) möglich. Der Liberalisierungssatz übersteigt um rund 6 v. H. den bisher höchsten französischen Liberalisierungssatz.

Die Anregung zur Ausländerkonvertibilität des französischen Franken zum jetzigen Zeitpunkt ist vom französischen Notenbankleiter Wilfried Baumgartner ausgegangen, der dafür zuerst die fünf übrigen EWG-Partner und nach deren Zustimmung auch die Bank von England zum Mitziehen veranlaßte. Diese Teilkonvertibilität war natürlich nur ein, wenn auch wesentliches, Element in dem französischen Sanierungsplan im Hinblick auf die Stärkung des internationalen Vertrauens zu Frankreich und damit zur Stärkung der französischen Position bei Eintritt in den Gemeinsamen Markt und für die weiteren europäischen Freihandelszonenverhandlungen. Die Zusammenarbeit der Notenbanken, insbesondere auch zwischen Paris und London, zur Vorbereitung und Durchführung der internationalen Währungsmaßnahmen war absolut vorbildlich und wird in eingeweihten französischen Kreisen dementsprechend geschätzt. Man wird sich dieser Tatsache bei dieser Aufnahme der Verhandlungen zwischen den Sechs und den Elf zu erinnern haben Frankreich wollte und konnte übrigens mit seinen Währungsmaßnahmen nicht hinter den anderen europäischen Staaten zurückstehen, ohne das Risiko einzugehen, aus dem Konzert dieser Staaten nolens volens und trotz EWG früher oder später hinausgedrängt zu werden. Damit erklärt sich auch die westdeutsche Kreditbereitschaft zugunsten des Nachbarlandes.

Frankreich hat sich nun eine neue Währung, den „schweren Franc“, geschaffen. Ein neuer Name wurde ihr nicht gegeben, was während der einjährigen Übergangszeit zur Konfusion Anlaß geben könnte. Praktisch kommt die Währungsreform einer Streichung der beiden letzten Nullen gleich. 1000 Franc werden also 10 Franc.

Die wichtigste und zum Teil revolutionärste. Entscheidung betrifft die Ausarbeitung des Staatshaushalts 1959 und die sich daraus ergebenden Rückwirkungen auf das Wirtschaftsleben. Der Fehlbetrag konnte auf etwas unter 600 Mrd. Franc gehalten werden, womit Frankreich den Empfehlungen der internationalen Behörden, das Budgetdefizit nicht weiter ansteigen zu lassen, nachkommt; damit sind auch die Voraussetzungen für die Gewährung einer neuen ausländischen Kredithilfe geschaffen. Der Haushalts-Fehlbetrag beläuft sich auf etwa 10 v. H. der gesamten Staatsausgaben, ist also prozentual niedriger als in den letzten Jahren. Aber ohne eine rigorose Politik der Inflationsbekämpfung könnte er eben doch den Keim zu neuen inflationären Tendenzen legen, denn die Regierung hat den Fehlbetrag nur deshalb auf diesem Niveau halten können, weil sie gleichzeitig für 309 Mrd. Franc neue Steuern eingeführt und für 170 Mrd. Franc Subventionen abgeschafft hat.

Zahlreiche öffentliche und private Preise werden sich dadurch erhöhen. Auch die Abwertung wird preissteigernd wirken. Man rechnet, daß das französische Preisniveau im nächsten Vierteljahr um etwa 5 bis 7 v. H. sich anheben könnte. Die Regierung hat darum eine Lohnerhöhung für die unterste Lohnstufe durch Heraufsetzung des garantierten Mindestlohnes um 4,5 v. H. ab 1. Februar beschlossen. Die Beamtengehälter werden sofort um 4 v. H. erhöht, weil sie hinter den Lohnerhöhungen in der Industrie in den letzten zwei Jahren zurückgeblieben sind. Aber gleichzeitig – und das ist die kühnste Maßnahme – werden alle bisherigen Preis- und Lohnbildungsvorschriften, außer für den garantierten Mindestlohn, aufgehoben. Damit ist eine der Hauptquellen der schleichenden Inflation verstopft worden; denn bereits die geringste Preis- und Lohnerhöhung in irgendeinem Sektor wirkte sich bisher infolge der Index-Bindung lawinenartig auf das gesamte Preis- und Lohngefüge aus.