Casanova – Dichtung und Wahrheit (4) Die typischen Abenteuer seiner guten Jahre

Von Thilo Koch

Eine Neuausgabe von Casanovas großer Autobiographie war für unseren Mitarbeiter Thilo Koch der Anlaß, über den Rahmen einer Buchbesprechung hinaus eine ganze Neuinterpretation vom Leben und Lieben dieses faszinierenden Don Juans zu unternehmen. Hier folgt der vierte Teil seines Aufsatzes.

Casanovas Memoiren sind, übersetzt von Heinrich Conrad, neu erschienen im Verlag Langen-Müller, München. Diese Gesamtausgabe in sechs Bänden umfaßt 4240 Seiten und kostet In Leinen 120,– DM, in Saffianleder 210,– DM

Selten genügt es diesem nur scheinbar naiven Lebenskünstler, bloß zu handeln; er gibt sich gern Rechenschaft über die Beweggründe seines Tuns. So philosophiert er einmal über ein unlösbares Problem – es gibt keinen Richter in dieser Sache, der nicht Partei wäre: ob die Frau oder der Mann aus der Vereinigung größere Wonne zöge.

„Ist es nicht ganz einfach, daß die Natur, die in ihren Gegenwirkungen und Entschädigungen stets gerecht ist, der rrau und überhaupt jedem weiblichen Geschöpf eine Wonne geschenkt hat, die für alle daraus erwachsenden Leiden einen Ausgleich bietet? Welcher Mann würde sich auch nur ein einziges Mal dem Genuß der Liebe hingeben, so süß er ihm auch sein mag, wenn er sich dadurch der Gefahr aussetzte, neun Monate lang schwanger zu sein und dann eine Niederkunft zu haben, die stets mehr oder weniger schmerzhaft ist und zuweilen tödlich verläuft? Die Frau setzt sich dieser Gefahr aus, und sie tut es sogar wiederholt, nachdem sie diese schmerzliche Erfahrung gemacht hat. Sie findet also, daß der Genuß des, Schmerzes wert ist; folglich muß ihr Genuß viel größer sein als der des Mannes.“ (VI, 153, 154) Aber es müßte nicht Casanova sein, wenn er nicht fortführe:

„Wenn ich mich trotzdem frage, ob ich als Weib wiedergeboren werden möchte, so, sage ich zu mir selbst nein, so wollüstig ich auch bin, denn ich habe Freuden, die das Weib nicht kennt und die mich veranlassen, mein Geschlecht vor-, zuziehen.“ (VI, 154)

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Er hat also „Freuden, die das Weib nicht kennt“; das ist physiologisch gemeint an dieser Stelle. Aber erinnern wir uns an den Satz im Pauline-Kapitel: „Um mein Temperament zu befriedigen, brauche ich keine Frau – denn die findet man überall; aber ich brauche eine, um sie zu lieben.“

Da, so glaube ich, hebt er den Schleier, den frivol und wollüstig gewebten, von tieferen Gründen. Er will lieben. Und er bildet sich immer wieder ein – mit der vehementen Glut seiner leidenschaftlichen Phantasie –, daß er die Frauen, mit denen er zärtliche Verhältnisse anstrebt und unterhält, wirklich liebt. Nicht für das ganze Regiment seiner Geliebten gilt das; aber doch sicher für eine kriegsstarke Kompanie. Er war ein Genie der Fähigkeit, sich in verliebte Gefühle hineinzusteigern, an die er dann selber am ehrlichsten glaubt. Manchmal heuchelt er – je älter er wird, desto öfter und bewußter; aber er tut es zumeist, um die Partnerin nicht zu kränken. Nur von sehr wenigen Frauen sagt er sich im Bösen los – laut Memoiren; in Wahrheit geriet er doch immer wieder in die Situation, seine Geliebten um finanzielle Gefälligkeiten bitten und mit anderen Liebhabern teilen zu müssen.

Das typische Abenteuer seiner guten Jahre: Er reist; er übernachtet; er geht ins Theater; er lernt Leute kennen; irgendeiner, der irgendeine entführt hat, kreuzt seinen Weg; die Verhältnisse des illegalen Paares sind zerrüttet; entweder irgendeiner oder irgendeine appelliert an ihn; er hilft; plötzlich hat er das Mädchen am Halse; er macht sie glücklich.

Der Protofall für dieses Modell: „Meine liebe Marcolina, die ich wohl am meisten liebte“, und die er seinem eigenen Bruder ausspannt, der sie entführt hat. Dieser Bruder Gaetano ist ein Taugenichts wie Giacomo – aber ohne dessen Genie und Erfolg. Giacomo lacht ihn aus, hilft ihm ein paarmal, haßt und verstößt ihn schließlich.

Ich glaube es dem Memoirenschreiber Casanova, daß er oft ohne Absicht, ohne eigenes Zutun in seine Affären verstrickt wurde. Er wir auf die eine Weise naiv, auf die andere raffiniert; auch in dieser lebenstüchtigen Mischung liegt eine Erklärung für die außerordentlichen Leistungen sowohl wie für die außerordentlichen Unfälle unseres Glücksritters.

Marcolina also fällt ihm – wie so manches Mädchen vor ihr, so manches nach ihr –, ohne daß er viel dazu tut, in den Schoß. Bei der gemeinsamen Schokolade morgens, beim ausführlichen Mittagessen erwacht Casanovas Interesse. Er überlegt zunächst, wie er die Entführung – damals ein schweres Verbrechen – wieder gutmachen kann; es wird ihm schon etwas einfallen; man hat Verbindungen bei hohen und höchsten Würdenträgern; hier und da sitzt eine ehemalige Geliebte in nützlichen Verhältnissen, bei der man Rat und Hilfe erwarten kann. Marcolina muß ihn allerdings zunächst begleiten. Was bleibt dem guten Kind auch anderes übrig? Sie ist dankbar. Bald ist sie verliebt. Und er?

„... aber ich brauche eine, um sie zu. lieben.“ Schon ist er wieder entflammt und glaubt, die Frau seines Lebens gefunden zu haben. Das Begehren und die Freundschaft, das Wohlgefallen und die Zärtlichkeit, die Wollust und das Fürden-andern-Einstehen – bei Casanova ist, wenn er nur liebt, beides zugleich da. Darin bildet er keine Ausnahme. Liebe ist all dies zugleich und noch das entscheidende Gran Unausdrückbares mehr. Die Ausnahme Casanova besteht darin, daß es ihm so oft und so spannend und unter immer anderen reizvollen Umständen gelingt, sich zu verlieben und Gegenliebe zu finden.

Marcolina hat nie gelebt – sagt Gugitz. Gustav Gugitz ist einer der Detektive auf den Spuren Giacomo Casanovas. Unter den Auguren der Casanova-Philologie gilt er als der seriöseste. 1921 erschienen seine „Historischen Studien“ zu den Memoiren unter dem Titel „Giacomo Casanova und sein Lebensroman“ (Verlag Ed. Strache, Wien).

Gugitz zitiert zunächst eine treffliche Bemerkung von Ludwig Tieck über Casanova: „Der Mensch ist ganz verrucht, aber sein Leben und die Art, es darzustellen, höchst anziehend.“ Dann jedoch füllt er fast 450 Seiten mit einer gestrengen Dokumentation der Fälschungen unseres Helden, und über weite Strecken erscheint „der Mensch“ bloß noch verrucht und kaum noch höchst anziehend. Gugitz ertappt seinen „erstaunlichen Weltbürger unersättlichen Vergnügens“ bei so vielen Schwindeleien, kleinen und auch beträchtlichen, daß er Casanova als direkte historische Quelle überhaupt nicht mehr gelten lassen will.

Casanovas berühmte Affäre mit dem Bankier Hope in Holland, seine Liebe zu der kleinen, klugen Esther, die er beinahe geheiratet hätte, wird von Gugitz geradezu geröntgt. Der Biograph des Autobiographen verfährt hier mit seinem Helden wie Simenons sagenhafter Kommissar Maigret mit den Verbrechern, die er jagt. Casanova will sich durch kabbalistische Zahlenpyramiden das Vertrauen und einen beträchtlichen Teil des Vermögens von Hope verdient haben. Gugitz weist nach, daß Bankier Hope gar keine Tochter hatte, überführt Casanova an Hand einschlägiger holländischer und französischer Dokumente der „Dichtung“ und resümiert den Fall kalt so: „Wir stehen starr, wir machen auch eine Pyramide, aber sie sagt uns immer wieder dasselbe: Hr. Casanova mag ein ausgezeichneter Novellist und Magier sein, aber er ist als Historiker ein Schwindler.“ (Gugitz, 223)

Gegen den richterlichen Gugitz, der es am Ende nur noch zu einer kopfschüttelnden Mißbilligung Casanovas bringt, ließe sich immerhin geltend machen, daß „Hr. Casanova“ in den Memoiren gar nicht beabsichtigt und behauptet, als Historiker aufzutreten. Er nahm sich – wie ein paar Jahre später Hr. Goethe – die Freiheit, „Dichtung und Wahrheit“ über sein Leben aufzuschreiben. Ein fleißiger Aktenwurm mag in der Historie freilich etwas anderes schmecken als das phantasievolle Weltkind, welches Geist genug hat, die „Atmosphäre“ einer Epoche spüren und wiedergeben zu können. „Dieser Abenteurer Casanova“, mag der Hr. Gugitz hierauf antworten, „schummelt sich als galanter Falschspieler, der er ja übrigens war, an den Tatsachen vorbei, er erfindet gar Personen, die es nie gab.“

Zum Beispiel also Marcolina. Doch ganz ein solcher Philister ist Gustav Gugitz doch nicht, daß er am Schriftsteller und Lebenskünstler Casanova nicht auch Gefallen fände. Marcolina spielt eine wichtige Rolle in der Affäre „Mme. d’Urfé“. Diese reiche alte französische Herzogin ist abergläubisch und wirr; Casanova kommt mit der instinktiven Sicherheit des geborenen Psychologen ihren fixen Ideen und Launen entgegen. Damit macht er sie und sich glücklich. Mme. d’Urfé glaubt ihm jeden Unsinn – und stellt ihm jede Summe zur Verfügung; in seinen besten Jahren war diese Frau Casanovas nie versagender Dukatenesel.

Der Höhepunkt ihrer Beziehungen war nach den Memoiren eine mystische „Wiedergeburt“ der alten Dame. Casanova war immer ein Betrüger, der die eigene Person nicht schonte. Auch in diesem Falle brachte er es fertig, die Betrogene über jeden Verlust – den sie gar nicht bemerkte – hinweg intensiv zu beglücken. Freilich gehörte dazu ein Schelmenstück vollkommener Frivolität.

Geheime Stimmen weissagten Mme. d’Urfé, sie werde als Knabe wiedergeboren werden, wenn sie eine genau vorgeschriebene, komplizierte Bade- und Liebesszene mit Casanova als dem Beauftragten des Geisterfürsten absolviere. Casanova war das phantasievolle Sprachrohr der geheimen Stimmen, der Regisseur und Hauptdarsteller des mystischen Unfugs.

Er wußte freilich, daß er einer verschwiegenen, reizvollen und willfährigen Gehilfin bedürfe, um das Stück zum erfolgreichen Ende zu bringen, allwo die geheimnisvoll verwandelte Mme. d’Urfé wertvollen Schmuck zu opfern hatte.

„Die Marquise war schön, aber alt, und es konnte mir zustoßen, daß ich nicht imstande war, das Werk zu vollenden. Ich war achtunddreißig Jahre alt und begann zu bemerken, daß ein solches Unglück nicht ausgeschlossen war. Die schöne Undine, die ich vom Monde erhalten sollte, war meine Marcolina, die während des Badens durch den Anblick ihrer schönen Formen und durch ihre Berührung mir die nötige Zeugungskraft verschaffen sollte.“ (V, 51)

Das Manöver gelang, zur „höchsten Wonne“ der Alchimistin d’Urfé und zum berechneten „brillanten“ Nutzen Casanovas.

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Soweit die Memoiren. Wieweit aber Gugitz? Er schreibt in dieser Sache kühl das folgende:

„Dieser spannende Roman der Alchimistin und des Abenteurers, der uns sicher ein blühenderes Kulturbild aus vergangenen Tagen gibt, als es dürre Akten vermögen, die uns zu Tausenden in ähnlichen Fällen zur Verfügung stehen und die wir alle gern missen mögen für die eine glänzende künstlerische Darstellung bei Casanova, dieser spannende Roman ist das gute Recht des Dichters Casanova, der das häßliche Schelmenstück, das dem Roman zugrunde liegt, denn ein solches ist es sicherlich, dem reizenden Spiel der Phantasie überläßt, um daraus ein Kunstwerk zu formen. Aber nach unserer Verbeugung vor dem Künstler steht dem Historiker das gleiche Recht zur Steuer der Wahrheit zu, diese spannende Erzählung unerbittlich ihres Zaubers zu entkleiden, aus den romantischen Sylphiden liederliche Dirnen, aus den Genien armselige Trunkenbolde zu beschwören und mit dem Hexenmeister, dem Helden selbst, knappam Zuchthaus haltzumachen.“ (Gugitz, 285)

Kein Zweifel, Herr Gustav Gugitz hätte diesen Venezianer Casanova ins Zuchthaus gesteckt oder ihn doch Landes verwiesen, ganz ebenso wie es sein Landsmann Graf Franz Ferdinand von Schrottembach tat, zu Casanovas Zeiten Statthalter in Wien. Casanovas Glück Sollte es, daß er zu einer Zeit lebte, die außerordentlich durchlässig war für schlüpfrige Naturen, und die Kleinstaaterei, die schlimme, des 18. Jahrhunderts, hatte für seinesgleichen etwas Gutes: Mußte einer hier wegen einer „lettre de cachet“ fliehen, fand er dort die liebenswürdigste Aufnahme – vorausgesetzt, er hatte Geld und gab es aus; verfolgten die Sbirren jemanden in einem Land, dann konnte er doch anderswo ganz ruhig sein zwielichtig Handwerk weitertreiben.

Die Gerechtigkeit war noch nicht eine, und sie war teilbar; anders hätten Lebensläufe wie der eines Casanova oder eines Cagliostro gar nicht entstehen können; Ungerechtigkeit und Unsicherheit mußten dabei zum zeitgeschichtlichen Hintergrund gehören. Allein, wenn es polizeiliche „Amtshilfe“ oder gar eine INTERPOL, überstaatliche Polizei gegeben hätte, wäre Casanova in jungen Jahren, statt überall von seiner Flucht aus den Bleikammern renommierend zu erzählen, auf den Galeeren geendet.

Also nichts da mit dichterischem Zauber, sagt Herr Gugitz, es muß irgendeine „liederliche Dirne“ gewesen sein, die den p.p. Casanova befähigte, seine widernatürliche Leistung zu vollbringen; die romantische Sylphide Marcolina jedenfalls hat nie gelebt. (Das Abenteuer mit der bejahrten Mme. d’Urfé selbst bestreitet Gugitz notabene nicht.)

Am 11.Juli 1763 will Casanova nach den Memoiren in Lyon gewesen sein, findet Gugitz, um dort seine liebe Marcolina einem venezianischen Gesandten zu übergeben, der sie – von Casanova trefflich ausgerüstet, belohnt und beschenkt – in die Heimat zurückführen sollte, wo Casanova der Geliebten einen passenden Mann zu beschaffen hoffte. Just an diesem 11. Juli 1763 aber war der Schlingel Casanova zweifelsfrei sehr weit von Lyon entfernt, sagt Gugitz, nämlich in London; das wissen wir von ihm selbst und aus Originalbriefen.

Solches und anderes ruft „die Abwehr der Historiker“ hervor gegen „Herrn Casanova, alias Herr Schwarzschnauz, der Erzgaukler...“.

Immer wieder hat man sich gefragt, wie der gewaltige Epikuräer des 18. Jahrhunderts ausgesehen haben mag. Es gibt wenige Bilder von ihm, und manche scheinen geschmeichelt. Er soll eine fliehende Stirn, funkelnde, dunkle, vielleicht stechende Augen, einen starken Hals, eine kühn vorspringende Nase, volle, nach oben aufgeworfene Lippen und gesunde Zähne gehabt haben. Die Körperhaltung mag stolz und herausfordernd gewesen sein, die Gestalt kräftig und hoch, doch niemals korpulent. (Wird fortgesetzt)

Dagmar Nick:

Erinnerung

Es können die Tage deine Stimme

nicht auslöschen.

Aus dem Schwert des Orion

stürzen mir Bäche von Schmerz

über die Stirne.

Gläserne Kälte hat

meine Schläfen einsam gemacht.

Deine Stimme hängt

leicht an den Wolken

wie Schatten und Schnee.

Ein Schwalbenpfeil ritzte den Himmel.

Unter der silbernen Schwinge

liegst du und lächelst.