Belgrad, Moskau und Peking: unterschiedliche Interpretationen des Marxismus

Von Wolfgang Leonhard

Bis vor kurzem waren wir es gewohnt, den riesigen Staatenkomplex des Ostblocks als uniformes Ganzes zu sehen. Zu allen außenpolitischen Fragen nahmen die Ostblockländer stets eine einheitliche, fast bis aufs Wort gleiche Stellung. Innenpolitisch waren die Ähnlichkeiten so groß, daß geringfügige Unterschiede oft nur von Fachleuten bemerkt werden konnten. Wichtig aber war vor allem die Tendenz: Immer mehr näherten sich die osteuropäischen Staaten an die Sowjetunion an. Die Armee, der Parteiaufbau, die Wirtschaftsleitung, die Schulpläne – alles wurde nach dem „sowjetischen Beispiel“ ausgerichtet. Im internen Kreis der SED-Führung ist Ende 1948 sogar einmal angedeutet worden, daß Stalin plante, schrittweise alle Ostblockstaaten zu einem Einheitsstaat zu verschmelzen – faktisch also die europäischen Satelliten an die Sowjetunion anzuschließen.

Diese wirtschaftliche, militärische, politische und kulturelle Vereinheitlichung fand ihren Ausdruck in der einheitlichen Ideologie des Ostblocks. Ungeachtet aller Unterschiede in der Tradition, der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnisse – etwa zwischen der Sowjetzone Deutschlands und Albanien, der Tschechoslowakei und der Mongolei, Polens und Chinas – war die Parteischulung in allen diesen Ländern fast völlig identisch. Die gleichen ideologischen Schriften waren für alle Parteimitglieder und Funktionäre von Eisenach und Prag bis Peking und Hanoi obligatorisch. Die Schulung erfolgte nach denselben Lehrbüchern unter Benutzung der gleichen Schriften, zu denen die gleichen Kommentare gegeben wurden, und der „Kurze Lehrgang“ der Parteigeschichte galt für alle ideologischen Fragen als unverrückbare Richtlinie.

Der erste Bruch: Jugoslawien 1948

Mit dem Konflikt zwischen der Stalin-Führung und Jugoslawien im Sommer 1948 wurde diese Einheitlichkeit erstmals durchbrochen. Jugoslawien erlangte dadurch seine politische und wirtschaftliche Selbständigkeit, beschritt eigene Wege in der Entwicklung und begann auch bald eigene ideologische Thesen auszuarbeiten. An die Stelle der Stalin-These von der einheitlichen kommunistischen Weltbewegung unter der zentralen Führung Moskaus propagierten die Jugoslawen die Selbständigkeit der kommunistischen Parteien in den einzelnen Ländern, deren Zusammenarbeit auf gleichberechtigter Grundlage ohne „unfehlbares Zentrum“ erfolgen solle.

Anstelle der von Moskau geforderten Nachahmung der sowjetischen Entwicklung vertraten die Jugoslawen die These von der unterschiedlichen Entwicklung zum Sozialismus in den verschiedenen Ländern, ausgehend von den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Eigenarten und Traditionen jeden Landes. Dem von Stalin propagierten zentralistischen „Sozialismus“ mit seiner Hierarchie von eingesetzten Bevollmächtigten stellten die Jugoslawen ein dezentralisiertes System auf der Grundlage der Selbstverwaltung der Produzenten und der Arbeiterräte in der Industrie gegenüber. Als im Mai 1953 den Bauern gestattet wurde, die Kollektivwirtschaften nach Wunsch zu verlassen, war auch das Stalin-Prinzip der Kollektivisierung aufgegeben, und mit der Freistellung der Kunstformen wurde die Abkehr vom „sozialistischen Realismus“ vollzogen. „Einen sozialistischen Realismus“, so hieß es in Belgrad, ‚gibt es genauso wenig wie ein sozialistisches Mittagessen.“