Rote Zahlen haben auch ihr Gutes. Wer sie ausweist, lernt die Kunst, über den eigenen Schatten zu springen. Die Deutsche Bundesbahn hatte es bisher mit der Stillegung unrentabler Nebenstrecken und kleiner Bahnhöfe nicht allzu eilig. Ein sehr bürokratischer Verfahrensweg und die Furcht vor den Einsprüchen örtlicher Stellen lahmten allen Eifer. Nun hat die Hauptverwaltung der Deutschen Bundesbahn — unter dem Druck der roten Zahlen — beschlossen, 900 Kilometer, ein Zehntel ihres Nebenstredsennetzes, stillzulegen. Weiterhin sollen etwa 1000 Güterabfertigungen, bei denen im Durchschnitt täglich nur drei bis vier Frachtbriefe bearbeitet werden, aufgehoben werden; möglicherweise mit der stillen Absicht, demnächst auch die Fahrkartenschalter zu schließen.

Die Stillegung einer Nebenstrecke oder eines Bahnhofes ist leider keine Angelegenheit, die bei, der nach kaufmännischen Grundsätzen zu führenden Bundesbahn einer Bundesbahndirektion obliegt. So weit ist der Gesetzgeber bisher der Anregung der Bundesbeauftragten für Wirtschaftlichkeit der Verwaltung, möglichst viele administrative Zuständigkeiten nach unten zu verlagern, nicht gefolgt. Das Bundesbahngesetz sieht vielmehr in der Stillegung eines Bahnhofes oder gar in der Aufhebung einer Nebenbahnstrecke eine hochpolitische Angelegenheit, mit der sich nicht nur die Hauptverwaltung und der Verwaltungsrat der Deutschen Bundesbahn zu befassen haben. Diese Staatsaktion bedarf darüber hinaus auch noch der Genehmigung des Bundesverkehrsministers. Man sollte meinen, hier könnte noch ein Zopf abgeschnitten werden.

Soweit sind wir aber noch nicht. Also wird sich der Bundesverkehrsminister demnächst mit diesem Antrag der Deutschen Bundesbahn zu befassen haben und diese wohl auch vor dem Sturm entrüsteter örtlicher Verkehrspolitiker schützen müssen. Man kann nur hoffen, daß der Antrag der Hauptverwaltung schnell über die Bühne geht. Die entsprechenden Maßnahmen sind wichtig, und zwar nicht nur wegen ihres — nur einige Millionen DM betragenden — Rationalisierungseffektes, sondern auch, weil damit ein erster Schritt auf einem Wege getan würde, der beschritten werden muß, wenn das größte deutsche Unternehmen aus dem Stadium der roten Zahlen einmal herausgeführt werden soll. Rlb.