Nur ein paar Straßen entfernt von dem Hamburger Kino, in dem Shaws pfeffrige Verfilmung „Helden“ läuft, die den Nimbus der uniformierten Götter ankratzt, wurde der Film „Schinderhannes“ aufgeführt, die Mär von dem aus Volksromanzen und Moritatenpoesie auferweckten populären Räuberhelden mit dem Herzen für die Armen und Unterdrückten. Aber was hier bei dem Dichter Zuckmayer ofeffrig war, ist bei Käutner wäßrig. Und das mußte gerade dem Werke Zuckmayers passieren, dessen andere Bühnenstücke – „Teufels General“ und „Hauptmann von Köpenick“ – von dem gleichen Regisseur zu intensiven Filmen verarbeitet worden war.

Freilich, der Räuberheld Johann Bückler aus dem Hunsrück, der zur Zeit Napoleons gegen die Ausbeuter der Bauern und die Franzosenfreunde rechts des Rheines kämpfte und 24jährig 1803 hingerichtet wurde, Liebling und Abscheu der Bevölkerung, war bei der Uraufführung des Stückes 1927, als die Franzosen wieder über den Rhein gekommen waren, populär. Dies kann der Film heute, im Zeichen der europäischen Verständigung, nicht sein, da wir solche üblen Auseinandersetzungen unter Brüdern endlich vergessen wollen. Die patriotische Gloriole eines Widersachers der Franzosen zieht nicht mehr. Aber Zuckmayers bildhaft kräftiger Humor, der lustspielhafte Zug auf tragischem Grund, die unsentimentale Gefühlsstärke hätten doch packen müssen.

Je nun – es wurde, wie es in den Annalen des Films stolz heißt, ein „deutscher Großfilm“ daraus, „mit drei Namen, Helmut Käutner (Regie), Curd Jürgens (in der Titelrolle) und Maria Schell (als Bänkelsängerin Julchen), die dem Film den Stempel des Außergewöhnlichen aufdrücken, mit 83 Rollen und 4000 Komparsen“.

Viel zuviel, viel zu groß! Nur in einigen wirkungsvollen Bildpassagen zeigt sich, daß der Regisseur Käutner heißt. Geheimnisvolle Landschaft und ein beziehungsvolles Blättersäuseln wie in Japans berühmtem „Rashomon“. Manchmal wird’s heiter, graziös und parodistisch wie im fröhlichen „Wirtshaus im Spessart“, auch ein paar farbige Panorama-Bilder sind darin köstlich wie alte Veduten, zum Beispiel von Kurmainz. Aber es wird schaler und sentimentaler von Szene zu Szene. Trotz schöner Einzelheiten und populärer, zündender Zuckmayerscher Aperçus wie „Halte dich aus der Politik raus, dazu gehören größere Gauner als du“, hat der Zuschauer schließlich lauter Teile, nichts Ganzes, erhalten. Manche sind schlimm. Wie aus Pappmaché ist eine Wirtshausszene. Und eine der stimmungsstärksten, lyrischsten Szenen im Stück, das innige Kornfeld-Bild, wo Schinderhannes sein Julchen mit dem in Gefahr und Qualen geborenen Kind findet, während der Verrat um sie schon lauert, war im Film nichts als gestellte Staffage.

Das „Volksstück“ krankt daran, daß die Schauspieler ihren hessischen Dialekt teils nicht beherrschen, teils im Laufe des Films vergessen. Wenige Randfiguren wie der Räuber Hans Bast, der Reichsgraf von Cleve-Boost, der durchtriebene Leydendecker, der Schmied Schauwecke, gewinnen durch die Interpreten Fritz Tillmann, Willy Trenk-Trebitsch, Joseph Offenbach und Paul Esser Leber. Maria Schell, deren berühmtes Lachen in ihrer letzten Hollywood-Rolle, in den „Brüdern Karamasoff“, auf Hochglanz poliert und tiefgekühlt, sogar eingefroren war, ist wieder aufgetaut, innij und intensiv. Aber für das Julchen erscheint ihn Herzlichkeit zuwenig; noch ist der Vergleich mit Käthe Dorsch nahe. Curd Jürgens, der in seinen besten Momenten an Hans Albers erinnert, ist trotz seiner Größe dieser Rolle nicht gewachsen. Er ist nicht, was er zu sein vorgibt, er ist keine Volksgestalt. Er reißt zwar seine Filmgesellen auf der Leinwand mit, die auch über die heftigen Kraftausdrücke am meisten lachen, aber der Besucher im Parkett hat an vielen leeren Stellen Zeit, nachdenklich zu werden darüber, warum da so viel vom Kino drin ist und so wenig Wesentliches, so wenig Feingefühl, so wenig Schlagendes, so viel Leerlauf und wenig Tempo. Auf rheinisch: Kein Saf(t) und keine Kraf(t). Erika Müller