Die Metropole zwischen Reben – Ein perennierendes Provisorium – "Keine Zeit"

Von Josef Müller-Marein

Vom dreifach geschichteten, aber leider nicht dreifach gefügten Bonn haben wir schon gesprochen. Und auch vom Charakter des Provisorischen, der unserer "Hauptstadt zwischen Reben" noch immer anhaftet, obwohl schon so lange Zeit vergangen ist, seit am 10. Mai 1949 die Verfassunggebende Versammlung der bundesdeutschen Parlamentarier dem Wunsche Adenauers entsprach und feierlich erklärte, nicht Frankfurt, sondern Bonn solle unsere Metropole sein.

Fast zehn Jahre also sind vergangen, seit über das Provisorium gestöhnt, geseufzt, gelästert, gespöttelt wird, über die Stadt der Bürger, über die Stadt der Gelehrten und Studenten, über die Stadt der Politiker und Diplomaten, kurz, über das "deutsche Bundesdorf". Und aus dem Spott und dem Seufzen tauchen gelegentlich auch dreierlei Erinnerungen an schönere Zeiten auf ...

Der Bürger: "Ja, damals ... da war Bonn so klein, daß wir, obwohl unsere Stadt schon Großstadt hieß, gemütlich zwischen dem Münster, dem Rathausplatz, dem Alten Zoll wohnen, leben, lieben konnten. Wir gingen damals behaglich durch die Straßen und nicht nur auf den Trottoirs. Denn wir konnten darauf rechnen, daß die Fremden, wenn sie auch in Autos kamen, uns kein Leid zufügten. Sie kamen ja, um die Schönheit unserer Stadt und ihre Spezialität, das Rokoko, zu bewundern, nicht um zu regieren oder Geschichte zu machen. Sie saßen mit uns in den alten Weinstuben drunten am Rhein oder in den Wirtschaften, die im Fenster die Inschrift zeigen: Frische Muscheln eingetroffen."

Dazu ist zu sagen: Vor dem Kriege besaß Bonn 30 000 Wohnungen, von denen nur 3300 erhalten blieben und in denen 102 000 Einwohner lebten. Das alte Bonn ist 31 Quadratkilometer groß, und auf je einem Hektar wohnten 36 Menschen, während heute ein Hektar Alt-Bonn "auf die Köpfe von 42 Menschen fällt" (oder umgekehrt: 42 Köpfe auf einen Hektar; der statistische Sprachgebrauch ist da nicht kleinlich). Gegenwärtig leben in dem auf Siedlungen erweiterten Stadtgebiet außer den hunderttausend Bonnern fünfzigtausend fremdartige Menschen, die, wie die Bürger es sehen, keine Rolle spielen, jedenfalls kein bönnsche Rolle, und daher nicht zur Kenntnis genommen werden. So ist auch die Gruppe derer, die abends in Weinstuben sitzen oder in den volkstümlichen Kneipen Miesmuscheln essen, konstant geblieben. Zugenommen jedoch hat die Zahl derjenigen Personen, die kreuz und quer, hin und her über die Straße laufen, als gäbe es keinen Kraftwagenverkehr, den es dann auch wirklich trotz der vielen Autos nicht gibt.

Die Professoren sagen: "Ja, damals... Als wir hier studierten, gehörte Bonn zu den romantischen Universitätsstädten wie Marburg oder Tübingen. Ach, die Zeiten, da nicht nur die Studenten, sondern die Bonner Bürger einen gemächlich mitten auf der Straße wandelnden, zerstreuten Herrn und seine schlohweißen Haare ehrten, indem sie zueinander sagten: ‚Da kommt der Professor X...‘. Viele Studenten waren korporiert, nicht bloß die vom Corps der ‚Bonner Borussen‘, das auch in den zwanziger Jahren noch als feudal galt. Die Nichtkorporierten, die Freistudenten, kamen gelegentlich von Köln herüber, um bestimmte Vorlesungen zu hören, aber sie traten nicht in Erscheinung. Ach, die Liebesschwüre überm Rhein, zu Füßen des monumentalen Ernst Moritz Arndt auf dem Alten Zoll!