Von Max Rychner

Das vorwurfsvolle Schlagwort von unseren Zeitalter der Massen hat selber schon Massencharakter angenommen; die Spatzen pfeifen es von den Dächern. Da ist der Einzelne herausgefordert, auf seiner Einzigkeit zu bestehen, sie der Massenwelt entgegenzusetzen, kühn oder verzweifelt oder gelassen, wie eine letzte Bastion.

Es heißt im Vorwort zu Hermann Hiltbrunner: „Alles Gelingen ist Gnade“, Tagebücher 1946–1952; Artemis Verlag, Zürich und Stuttgart; 1344 S., 28,50 DM

„Um des bedrohten Einzelnen willen habe in ausgehalten. Um der Freiheit des Individuums willen habe ich dieses Buch geschrieben..“ Sechs Jahre hindurch hat er, ein unermüdlicher Räsonneur, Tag für Tag Rechenschaft abgelegt, sich selber – und wem? Und einem Publikum, das seine Gedichte, seine Stimme, seinen Namen kennt, und auf dessen Seite er ebenfalls steht, wenn er sich selbst anredet: „Mache, lieber Poet, keine großen Worte um dein All tags werklein ...“ Ein Publikum, dessen Forderung der Bescheidenheit der Dichter unterstützt, um dann gegen jenen Teil des Publikums grollend auszufallen, der ihm zuwenig Ehren oder Anerkennung darbringt: die Kritik, namentlich eine gewisse Kritik

Gerade die literarischen Partien dieser Tagebücher jedoch sind die fragwürdigsten: über Thomas Mann, Hesse, Benn und andere wird da, ohne daß der Blick genau wahrnehmend auf ein Werk oder das Lebenswerk gerichtet wäre, aus einer Antipathie heraus abgeurteilt, die schon bei der Vorstellung der Erfolge dieser Dichter einschnappt. Auch Stefan George, dessen Vers den jungen Studenten Hiltbrunner die Zunge gelöst und ihm eine, seine, lyrische Sprache in Feuers offenbart hat, auch er wird nun vierschrötig heruntergeholt in eine allzumenschliche Sphäre, die sich gern als die menschliche schlechthin wissen möchte: „Der Außenstehende, Nichtfaszinierte, Nüchterne, Nichtliebende sagt: Was wäre Georg; gewesen ohne seinen Schneider! Ein Denkmal diesem, ein Grab ihm in der Nähe des Großen Mehr als ein Stammtischwitz ist das nicht; geschrieben und gedruckt macht er keine gute Figur in einem Buche, das von Lesern und Kritik Gerechtigkeit, das heißt Anerkennung fordert, sie aber allen Größeren verweigert.

Der junge Hiltbrunner konnte dampfen vor Begeisterung, er warf sich hinein in sie, für George, später für Hamsun; die Eintragungen über Schriftsteller in den Tagebüchern indessei tragen fast immer die Merkmale abwehrender, manchmal verächtlicher Gereiztheit. Dabei ist es sein Vorsatz, solche Erdenreste in sich zu überwinden und eine Ebene höherer Heiterkeit zu gewinnen: „Ein heiterer Mensch ist kein Egoist. Er spricht nicht von sich; er nimmt sich nicht so wichtig, daß Zweitpersonen es spüren ... Heiterkeit ist am Ende gleich jener Liebe, von der Paulus im berühmten Korintherbrief spricht.“

Nicht daß ich es hätte, aber ich jage danach, könnte er ebenfalls mit demselben Apostel sagen, der freilich seine Liebe und Hiltbrunners Heiterkeit nicht leicht verwechselt hätte. Doch nichts gegen diese! Der Poet fühlt an Leib und Seele die verändernden Mächte des Alterns, Entfremdungen, Entfernungen, und er sucht neue Formen des Einklangs mit der Welt. Am leichtesten, glücklichsten findet seine Natur den Einklang mit der Natur; diese betrachtet er reicher, sicherer als die Schöpfungen des Menschen: Staat, Religion, Gebilde der Kunst.