Paul Klee (1879–1940): „Der große Kaiser reitet in den Krieg“, 1920 datiert, Öl und Aquarell auf Papier, 32:24 cm, signiert. Locust Valley New York, Sammlung W. Cheney.

Eine Karikatur in bizarren Strichen und billigen Limonadefarben? Pickelhaube und aufgezwirbelter Schnurrbart spielen auf Kaiser Wilhelm 11. an. Doch mit diesen Angaben erschöpft sich schon die „Porträtähnlichkeit“. Klee verzichtet darauf, den gestürzten Herrscher eingehender vorzustellen: Keine Einzelpersönlichkeit wird im Titel erwähnt, sondern ausdrücklich allgemein „der große Kaiser“.

Mögliche Ironie schlägt bald um: Wilhelm II. ist zwar der Anlaß der Darstellung, gibt jedoch nicht ihr Ziel ab – sie trifft vielmehr den Funktionär, den kaiserlichen Statthalter getarnter Interessen. Klee zeigt genau, wie es funktioniert: Die Haube wird niemals herunterfallen, der Schnurrbart wird stets in Fasson bleiben, die Hand wird sich immer zum Imperatorengestus erheben, der Fuß wird seinen Weg nicht verlassen – solange die Drähte gespannt sind! Die Souveränität des Herrschers enthüllt sich der schärferen Betrachtung somit als äußerst fragwürdig.

Woran sich für Millionen Menschen die sehnsüchtige Vorstellung von Freiheit hält, erweist sich als repräsentative Unfreiheit. Die Gesellschaftsordnung, an deren Spitze der Kaiser steht, wird von Kräften gesteuert, die im Verborgenen wirken. Eine Redensart spricht von „Drahtziehern im Hintergrund“. Klee folgt hier dem Sprachgebrauch nicht ganz so wörtlich: Nach seiner Zeichnung müssen sie eher im Vordergrund sein. Jedenfalls stimmen beide Wendungen darin überein, daß die wahrhaft Schuldigen sich der Gerechtigkeit zu entziehen pflegen, indem sie ihr ein stellvertretendes Opfer vorwerfen.

Diese Ersatzlösung ist so alt wie Geschichte überhaupt, doch nie so eindeutig durch ein Kunstwerk sichtbar gemacht worden. Wann immer die Dirigisten in ihren Verstecken bleiben und die Gelegenheit ihr Vorhaben begünstigt, können sie den Kaiser bewegen, nämlich an Drähten. Sie können ihn auch bewegen, in den Krieg zu reiten, denn er besitzt hier keine Möglichkeit, sich der aufgezwungenen Entscheidung zu entziehen. Auch Krieg ist Manipulation, wenigstens zunächst, solange sich die Ereignisse den Berechnungen noch fügen.

Klees Aussage ist zwar verschlüsselt, gleichwohl eindeutig. Was anfänglich platter Spott schien, verrät nun empfindliches, allerdings hintergründiges Geschichtsverständnis: Der Herrscher erscheint allein, und er scheint allein die Verantwortung zu tragen: „Wir, Kaiser von Gottes Gnaden.“ Doch auch dieser Schein trügt; denn schon längst besitzt dieser Kaiser nicht mehr die Freiheit zu eigener Entscheidung – auf diesem Blatt. Rolf Linnenkamp