Von Erwin Topf

Prognostizieren ist schwer – aber fast alle, die sich in diesem Geschäft betätigen, sei es nun laufend, sei es anläßlich der Jahreswende, machen es sich ein wenig zu leicht: indem sie nämlich die kleine Mühe scheuen, genau nachzulesen, was sie aus gleichem Anlaß vor drei oder sechs oder zwölf Monaten in Wort und Schrift verkündet haben. Würde überall so verfahren, im Bemühen der Selbstprüfung durch Selbstüberprüfung, so wäre der Nutzen allgemein – nicht nur für die professionelle Konjunkturbeobachtung, sondern auch für den Kreis ihrer Kunden, unter denen es ja wiederum viele gibt, die ihrerseits (für den eigenen regionalen oder fachlichen Bereich) Analysen und Prognosen „erstellen“.

Ein vergleichender Rückblick auf 1957 ist zu Ende des Jahres 1958 deshalb besonders geboten und nützlich, weil die konjunkturelle Entwicklung im gewerblich-industriellen Bereich für diese beiden Jahre manche Parallelen aufweist. Die Wachstumsrate der industriellen Produktion betrug, zu den jeweiligen Preisen gerechnet, 1957 zwar noch 6 v. H., 1958 aber „nur“ noch 3 v. H. – realiter freilich dürfte der Zuwachs in den beiden Jahren nahezu der gleiche gewesen sein, weil die Zahlen für 1957 noch durch Preissteigerung aufgebläht sind, während sich (für den Durchschnitt der Erzeugerpreise!) in dem nun abgelaufenen Jahr eine weitgehende Stabilität ergeben hat.

Es ist hierbei charakteristisch, daß sich insbesondere für den „praxisnahen“ Beobachter der Sachverhalt so darstellt, als ob es überhaupt kein Wachstum mehr gegeben hätte, und nur noch Stagnation... wie denn etwa in dem (Ende Mai 1958 abgeschlossenen) 1957iger Jahresbericht einer bedeutenden rheinischen Handelskammer zu lesen war: Zwar habe der Industrie-Umsatz des Bezirks noch um 6,7 v. H. über dem Vorjahresstand gelegen – es sei jedoch „eine Ausweitung der Produktion und des Absatzes nicht mehr erfolgt“.

Das ist offensichtlich nicht recht logisch, da ja das Umsatz-Plus keineswegs in voller Höhe auf Preissteigerungen beruht, aber psychologisch durchaus verständlich. Und in manch einem Rückblick auf 1958 werden sich sicherlich analoge Formulierungen finden!

Das hängt unter anderem damit zusammen, daß es für die Praxis der Unternehmungen gar nicht so sehr interessant ist, ob Beschäftigung, Produktion und Produktivitätsquote insgesamt etwas mehr oder etwas weniger gewachsen sind. Damit hat sich die allgemeine Wirtschaftspolitik zu befassen ... Für den Fabrikanten oder den Kaufmann ist primär wichtig, „ob es sich gelohnt hat“, oder ob der Umsatz – mag er nun zugenommen haben oder „nur“ stabil geblieben sein – durch die wachsenden Kosten überproportional belastet gewesen ist, sodaß der Ertrag rückläufig war.

Daß aber dieses eben zu Ende gegangene Jahr noch ganz allgemein, und nicht etwa nur für die „auf der Schattenseite“ stehenden drei oder vier großen Wirtschaftsgruppen – Kohle, Stahl, Textil Verkehr – wachsende Kosten gebracht hat, dürfte unbestritten sein. Und für das neue Jahr muß man sich ja wohl – auch ohne Pessimist zu sein! – auf eine ganze Reihe weiterer Kostensteigerungen einrichten: aus wachsenden Löhnen und Gehältern, aus der „Zementierung“ der Energiekosten (wenn weniger billige USA-Kohle hereinkommt und der Heizölmarkt künstlich „normalisiert“ wird), wie – wahrscheinlich – auch aus einer Verteuerung der Treibstoffe, zumal für Dieselöl, also der Transporte auf der Straße und vielleicht auch auf den Binnenwasserwegen. Mit diesem letzten Punkt sind die neuen fiskalischen Belastungen, die möglicherweise bald auf uns zukommen werden, noch keineswegs vollzählig: wenn es so geht, wie Wuermeling will, kommt auch eine Erhöhung der Kindergeldabgabe um rund 30 v. H., und im Hintergrund zeigt sich, wie Minister Etzel in seiner Haushaltsrede deutlich gemacht hat, die Bürgersteuer – zwar oft totgesagt, aber immer noch recht bedrohlich lebendig.