RH – Hamburg

Bill Haley – ein moderner Rattenfänger!“ ist betitelt, was zwei Autoren im Organ der Geverkschaft der Polizei, Deutsche Polizei, zu den Radauszenen zu sagen haben, die Haleys Music Show im Spätherbst in Hamburg, Berlin und Essen auslösten. Zwei Autoren, zwei Fachmänner.

Der erste, Essener Schutzpolizeidirektor, schildert, was vorging: „Vorwiegend männliche Jugendliche vollführten in den Gängen an der Bühne kaum gesehene Körperakrobatik ... Während sich die Halle (später) langsam leerte, blieben etwa hundert heeli-(Haley!)rufende und gestikulierende Jugendliche zurück... stürzten einige Stuhlreihen ... über die Lautsprecheranlage der Halle setzte der Leitende nun gegen die erkannten Täter Greiftrupps ein ... in den hinteren Reihen wurden Fäuste hochgestoßen ... flogen mehrere Schottersteine gegen das Gebäude ... eine Scheibe klirrte... Um Weiterungen zu unterbinden, gab der Leitende dem bereitstehenden Wasserwerfer ‚Wasser frei’... der Einsatz der Polizei konnte kurze Zeit später beendet werden.“

Gegen diese objektive, wenn auch in Fachmannsprache formulierte Darstellung des Krawalls ist wenig einzuwenden. Sie dient auch in der Zeitschrift Deutsche Polizei eigentlich nur dazu, die Ereignisse zu rekapitulieren, auf die sich dann der Diplom-Psychologe Dr. Umbach bezieht.

Gegen das aber, was dieser Fachmann ausführt, Ist nun einiges einzuwenden. Die Mischung aus psychologischen Proseminarstil und politischer Instinktlosigkeit, die dieser Aufsatz bietet, läßt bedauern, daß Mechtilde Lichnowski nicht mehr lebt und so, ihrem hellsichtigen Buch Der Kampf mit dem Fachmann nicht ein Kapitel anfügen kann.

Der recht banale erste Teil des Aufsatzes vergleicht Bill Haleys Wirkung auf die jugendlichen Zuhörer mit der des Rattenfängers von Hameln. Beide hätten, schreibt der Diplom-Psychologe Umbach, den Eltern die Kinder weggenommen, sie auf Wege gelockt, die „ihren Eltern gänzlich ungangbar sind“. Gemeinsam wäre dem Rattenfänger und Bill Haley die Verführungsgewalt. „Und hier stehen wir effektiv vor einem Grundphänomen menschlichen Daseins, das man in unserer aufgeklärten, von Sputniks umkreisten und von Radioaktivität bedrohten Gegenwart so schlecht begreifen kann.“

Freilich wird niemand dem Diplom-Psychologen Dr. Umbach das Recht streitig machen, etwas nicht zu begreifen. Niemand wird ihm verwehren, anschließend auszuführen, daß primitive Stämme durch Musik („zu den Zaubermitteln, die wir nicht mehr ernstzunehmen geneigt sind, gehört ganz zweifellos die Musik“) nächtelang in die Ekstase der Kulttänze gebannt werden. Sicherlich ist auch richtig, daß wir es „bei den tumultuarischen Szenen hier mit einem ungehemmten und unkontrollierbaren Ausbruch der Primitivschicht zu tun haben“.