Bonn, Ende Dezember

Der ehemalige General Ramcke, ein gewiß tapferer Soldat, gehörte zu jenen fanatischen Kämpfern, ohne die Hitler sein wahnwitziges Unternehmen nicht hätte zu Ende führen können.

Der Bundestagspräsident Dr. Gerstenmaier, ein Mann mit großer Courage, gehörte damals zu jenen wenigen, die nicht nur die Einsicht, sondern auch den Mut hatten, dem Zerstörer des Vaterlandes noch in letzter Stunde in den Arm zu fallen. Da es aber zu viele Ramckes und zu wenige Gerstenmaiers gab, mißlang der Versuch,

Gerstenmaier steht seit Jahren in der vorderen Reihe jener Männer, die sich um die Wiederaufrichtung des Vaterlandes mühen. Ramcke steht, wo er hingehört: in der Ecke. Nur daß er sich dort leider nicht so still verhält, wie es ihm wohl ziemte. Als Gerstenmaier diese Ramckes, Remers, Naumanns und wie all die unbelehrbaren heißen, auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart aufforderte, mehr Zurückhaltung zu zeigen, verklagte ihn Ramcke wegen Ehrenbeleidigung. Die Sache schwebt noch.

Im Laufe dieser Auseinandersetzung aber ließ Ramcke durch seinen Rechtsanwalt Dr. Massmann etwas tun, was in der Goebbelschen Propagandaküche nicht hätte abgefeimter zusammengebraut werden können. In zwei „Schriftsätzen“, die Massmann im Auftrage Ramckes sämtlichen Mitgliedern der Synode der evangelischen Kirche Deutschlands zuschickte, stellte er bedenkenlos die Tatsachen auf den Kopf und behauptete, Dr. Gerstenmaier habe der Widerstandsbewegung nicht angehört. Er habe sich im Gegenteil mit dem Nationalsozialismus sogar ganz gut verstanden; sein Widerstand sei nichts als eine Legende.

Daß Gerstenmaier zum Kreisauer Kreis gehörte, der nach dem 20. Juli so blutige Opfer bringen mußte, ist also nach Ramcke-Massmann nur eine Legende. Daß sich Gerstenmaier als Freund und Mitverschworener des Grafen Staufenberg in den entscheidenden Stunden jenes verhängnisvollen Tages in der Bendlerstraße bereit hielt, kann von Ramcke nicht abgestritten werden. Aber er versucht, das alles ins Lächerliche zu ziehen. Daß Gerstenmaier kurz darauf verhaftet wurde und monatelang im Gefängnis saß, aus dem ihn erst die Amerikaner befreiten – auch das möchten Ramcke und Massmann als Legende gelten lassen.

Gerstenmaier hatte gegen die Verbreitung dieser Unwahrheiten eine einstweilige Verfügung beantragt. Sie wurde vor einigen Tagen vom Kieler Landgericht mit der Begründung abgelehnt, daß ein Schutz Gerstenmaiers durch den „außerordentlichen Behelf“ einer einstweiligen Verfügung zur Zeit nicht notwendig sei.