Von Gretl Cameron

Wenn man aus der heutigen Romanliteratur überhaupt einen allgemeinen Schluß ziehen darf (ich glaube, man darf es nicht), dann wäre Energieschwund unser mal du siècle. Kann man sich vorstellen, daß Stendhal oder Balzac, ja auch nur die sanften Pastorentöchter, die Schwestern Brontë, sich einen Mann zum Romanhelden gewählt hätten, der nicht weiß, was er will, und wenn er es weiß, nicht die Entschlußkraft besitzt, danach zu handeln?

Solche „Helden“ erscheinen seit Jahren immer häufiger in der ausländischen Literatur, häufiger noch als die Zornigen Jungen Männer, und vielleicht sind sogar von verwandtem Schlage.

Einen schwachen Helden schildert auch die rasch berühmt gewordene englische Romanschriftstellerin Iris Murdoch, Dozentin der Philosophie in Oxford, die dem Existentialismus anhängt, ohne von ihm, wie sie beteuert, literarisch beeinflußt zu sein. Ihr erster Roman „Unter dem Netz“ liegt deutsch bereits vor, und nun kommt ihr vorletzter heraus (der letzte, „The Bell“, ist eben jetzt in England erschienen).

Iris Murdoch: „Die Sandburg“, deutsch von Maria Wolff; R. Piper Verlag, München; 434 S., 16,80 DM.

Das bekannte Ehedreieck findet sich in einem englischen Internat zweiten Ranges. Da sind der ehrgeizige, gescheite, brave Lehrer Mor und seine nörgelnde, unzufriedene, herrschsüchtige Frau Nan. Hinzu kommt eine kleine, begabte Malerin, Rain Carter, in schwarzen Hosen und mit großem, grünem Auto. Rain soll das Porträt des abgehenden Schuldirektors malen, Mor verliebt sich in sie, und Rain erwidert seine Gefühle aus nicht ganz überzeugenden Gründen. Für Mor öffnet sich die Tür zur Befreiung von seinem äußerlich geordneten, innerlich aber unerträglichen Familienleben.

Das Erscheinen eines Zigeuners, das nichts Gutes verheißt; Mors Tochter versucht sich in der Hexerei; der zaghafte Zauber eines Sommernachmittags in der englischen Landschaft; die unerhört realistische Schilderung, wie Rains schöner, grüner Wagen in einen Bach stürzt – alle diese Motive gehören dazu, und alles ergibt ein vollkommenes Ganzes.