Die Krisen folgten rascher aufeinander, und sie sind gefährlicher geworden

Wie viel geschieht doch in einem Jahr in der weiten Welt! Hoffnungslos könnte das Unterfangen erscheinen, in der Unzahl von ineinander-, durcheinander- und auseinanderlaufenden Entwicklungen, von abgebrochenen Hoffnungen und neuen Anfängen, von Krisen und Lösungsversuchen, von Fortschritten und Rückschlägen, verknüpften und zerrissenen Fäden nach einem Muster zu suchen, das sich doch – wenn überhaupt – erst aus jener Distanz erschließen kann, in der aus dem Geschehen von heute die Geschichte von vorgestern geworden ist. So manches, das aus der Nähe so beunruhigend oder vielversprechend neu und als beginnende Zukunft erscheinen mag, wird sich schon nach ein paar Jahren als bloße Episode enthüllt haben, während andere Ereignisse, die wir im Augenblick noch kaum in dem wunderlichen Wirrsal bemerken, dereinst als wahrhaft entscheidende Vorgänge sichtbar werden mögen, die in Wirklichkeit bereits die Weichen für den Zug der Menschheitsgeschichte gestellt haben.

Wer auf ein verflossenes Jahr zurückblickt, tut deshalb gut daran, sich der Grenzen seines Blickkreises bewußt zu bleiben. Der Miterlebende kann Posten summieren. Die Bilanz zu ziehen, bleibt Sache der Nachwelt.

Dreimal war der Krieg in Sicht

Das große, beherrschende Thema der Weltpolitik ist freilich auch 1958 dasselbe geblieben wie im ganzen abgelaufenen Jahrzehnt: Das Ringen der großen weltpolitischen Blöcke. Dieser Zweikampf zwischen Ost und West, zwischen kommunistischer und freier Welt, ist in den vergangenen zwölf Monaten offensichtlich härter und gefährlicher geworden.

Noch wird zwar viel von Ko-Existenz und „friedlichem Wettbewerb“ gesprochen, noch gibt es – in den Vereinten Nationen und in Genf – [Gespräche zwischen hüben und drüben, halbwegs erfolgversprechende sogar wie über die Einstellung der Kernwaffenversuche zwischen den Atommächten, aber auch ganz und gar mißratene wie Über die „Verhinderung von Überraschungsangriffen“. Aber die Krisen häufen sich, sie scheinen schneller aufeinander zu folgen als je zuvor seit der Konsolidierung der Machtverhältnisse nach dem zweiten Weltkrieg. Dreimal hat es 1958 so ausgesehen, als ob der Friede auf der Welt ernsthaft gefährdet oder der „kalte Krieg“ im Begriffe sei, in den heißen überzuschlagen.

Das erstemal geschah das, als der Bürgerkrieg im Libanon und die Revolution im Irak zur bewaffneten Intervention der USA in dem kleinen levantinischen Küstenstaat und Großbritanniens im schwer bedrängten Herrschaftsgebiet König Husseins von Jordanien führte. Das Gewitter zog, nicht zuletzt Dank der behutsamen UN-Diplomatie Hammarskjoelds und dem schließlich doch vorsichtigen Taktieren der Großmächte, rascher vorbei, als man das ursprünglich erwarten konnte. Aber der Krisenherd im Vorderen Orient ist damit nicht beseitigt, daß sein Feuer im Augenblick (für wie lange?) unter Kontrolle zu stehen scheint.