Berlin, Ende Dezember

Von größeren Ereignissen überschattet und darum kaum bemerkt, hat sich kurz vor Weihnachten in der Evangelischen Kirche ein bedeutsames Ereignis vollzogen: Durch den Mund des Bischofs Dibelius ist offiziell bestätigt worden, daß künftig die Teilnahme an der kommunistischen Jugendweihe in der Sowjetzone die Konfirmation nicht mehr ausschließt. Mit dieser Entscheidung haben die bedrängten Gemeinden zwischen Elbe und Oder einen Sieg über die starre Haltung der Kirchenleitung errungen.

In der seelsorgerischen Praxis waren manche Gemeindepfarrer, namentlich in den Industriegebieten, bereits stillschweigend dazu übergegangen, die unter Druck und lustlos Jugendgeweihten auch zum Konfirmanden-Unterricht zuzulassen. Seit langem schon war abzusehen, daß die Kirche auf die Dauer ihre Verordnungen, den Jugendgeweihten die Kirchentür automatisch zu verschließen, nicht würde aufrechterhalten können. Selbst der Kirchenleitung konnte nicht unbekannt bleiben, daß die Teilnahme, an der Jugendweihe längst keine freie Gewissensentscheidung mehr war, geschweige denn ein freiwilliges Gelübde auf den Atheismus, sondern das Ergebnis raffinierter Zwangsmaßnahmen.

Wer nicht zur Jugendweihe geht, erhält keine Leerstelle und Zulassung zur Oberschule; die Universität ist ihm verschlossen, und seine Eltern sehen sich Schikanen ausgesetzt, die oft genug mit dem Verlust des Arbeitsplatzes enden. Die seelische Bedrängnis dieser Kinder wurde unnötig erschwert durch die offizielle Haltung der Kirche, die in dem erpreßten Lippendienst eine „Entscheidung“ für den Atheismus sah und den Jugendgeweihten die Konfirmation verwehrte.

Die Einsicht der Gemeindepfarrer, daß hier seelsorgerische Hilfeleistung auch gegen die prinzipielle Ablehnung der Kirchenleitung dringend nötig ist, hat sich langsam auch in den Landesleitungen durchgesetzt. Zuerst in der Kirchenprovinz Sachsen, deren Landesbischof Jaenicke (Magdeburg) schon im vergangenen Juni erklärte, die Sächsische Landeskirche trage der Zwangslage vieler Jugendlicher Rechnung, wenn sie Jugendgeweihten die Konfirmation nicht mehr verweigere.

Nach wie vor gilt zwar der Grundsatz, daß Jugendweihe und Konfirmation miteinander unvereinbar sind. Doch will die Kirche heute nicht mehr, nach den Worten von Dibelius, die Jugendgeweihten „einfach abschreiben“. Die Konfirmation steht auch ihnen offen, freilich unter der selbstverständlichen Bedingung, daß sie „in Treue zu dem christlichen Evangelium die Konfirmation begehren“ und dies durch rege Teilnahme am kirchlichen Leben zum Ausdruck bringen. Zwischen Jugendweihe und Konfirmation muß eine Frist geestzt sein, über die der einzelne Pfarrer von Fall zu Fall entscheidet, eine Zeit der Besinnung, die sich etwa auf ein Jahr erstrecken mag.

Damit hat die Kirche offiziell eine vier Jahre lang geübte Praxis aufgegeben. Zwar, ein Verbot der Konfirmation für Jugendgeweihte habe es, erklärte Bischof Dibelius, nie gegeben. Buchstäblich mag dies richtig sein. Unmißverständlich heißt es jedoch in der „Ordnung des kirchlichen Lebens der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg“ von 1954: „Kinder, die sich einer Handlung unterziehen, die im Gegensatz zur Konfirmation steht (Jugendweihe oder dergleichen), können nicht konfirmiert werden;“ und in einem Hirtenbrief an die Eltern der Konfirmanden seiner Kirchenprovinz erklärte Dibelius im Oktober 1955, es gebe in der DDR keine Kirche und „keinen im Amt stehenden Pfarrer“, der – im Gegensatz zu Versicherungen der Funktionäre – ein jugendgeweihtes Kind konfirmiere; „es muß dabei bleiben: entweder Konfirmation oder Jugendweihe!“

Über dies starre Entweder-Oder hat jetzt die Einsicht gesiegt, daß in Notzeiten der Kirche der Seelsorger vor dem Dogmatiker. den Vorrang haben muß. Die Kirche hat darauf verzichtet, ihre jugendlichen Gemeindemitglieder auf den Weg des Martyriums zu drängen. Sabina Lietzmann