Wenn der Abend niedersinkt, beginnt die Stunde der Tänzerinnen. Überall ist es die gleiche Verheißung, nur die Tanzbewegungen sind andere. Je weiter man nach Süden kommt, um so verwegener werden diese Übungen.

Und groß ist die Macht mancher Tänzerinnen! Der Khalif Harun al Raschid sprach von den Männern, die „Opfer der Schönen“ wurden und der verführerischen Art ihrer Hüften. Diese Hüfttänze waren eine Erfindung des Orients. Die „Hula-Hopp-Bewegung“ wird vielleicht auch unsere Tänze hüftbetonter werden lassen. Gerade auch in Nordafrika, wo die Aufnahmen in einem Lokal in Tunis gemacht wurden, ist ein „gelungener Abend“ ohne Tänzerinnen undenkbar. Es gibt in diesen nordafrikanischen Bezirken Stämme wie die Ouled Nail, deren Töchter mit Vorliebe berühmte, zum Teil auch berüchtigte Tänzerinnen werden.

„Wenn Musik ertönt, werden ihre Körper schmiegsam wie Wasser, in das ein Stein geworfen ward“, heißt es. Da sieht man – auf dem ersten Photo – die Tänzerinnen warten. Die Instrumente werden gestimmt. Der Silberschmuck der Damen hat eine besondere Bedeutung. Er ist eine „Kette der Erfolge“ und bezeugt die Güte der Geschenke, die sie erhielten. Ja, und ihre Füße sind oft noch „gegen die bösen Dämonen der Erde“ mit bunten Zeichen bemalt. So sind sie Geschöpfe zwischen Geschäft und Mysterium.

Der Raum ist mit Männern gefüllt. Ein spezieller Förderer der Tanzkunst ist anwesend. Er sitzt ganz vorn, ist älter als die anderen, sowie dicker und auch wohl spendabler! Das Gesicht des Alten spiegelt das Geschehen wider. Der Alte, so scheint es, putzt sich die Augen klar, um noch besser sehen zu können. Und weiter erzählt die Kamera die Geschichte dieses Abends: Die Tänzerin hat sich erschöpft auf der Bühne niedergesetzt. Alle sind begeistert. Der Alte steuert, vor guter Laune prustend, einige Bemerkungen bei. Der kleine Junge, der am Rande der Bühne sitzt, merkt sich alles genau.

Der Abend geht weiter; auch einige verschleierte Zuschauerinnen – sie sind gekleidet, wie die entsprechende Sure im Koran es vorschreibt – sind eingetroffen. Eine neue Tänzerin wird gleich beginnen. Aber die Anerkennung in bar, die der Alte der ersten Tänzerin zollte, fiel nicht so generös aus, wie erwartet wurde. Der Alte fühlt sich überfordert und kratzt sich hinterm Ohr. Die Herren neben ihm könnten gut und gern Nachtklubs bevölkern, wie es sie überall gibt auf der Welt. So treffen sich auch hier an diesem Abend zwei Welten. Wie sich heutzutage überall, wo etwas passiert, mehrere Welten treffen, sei es nun zwischen Hochhäusern und Palästen oder inmitten der „Kanister-Städte“, der Vorstädte in Nordafrika. K. N. N.