Von Wolfgang Altendorf

Wolfgang Altendorf, Träger des Gerhart-Hauptmann-Preises, darf zu den wenigen Nachwuchsautoren des deutschen Theaters gezählt werden, die nicht nur viel versprochen, sondern auch schon einiges gehalten haben. Bekannt wurde er durch seine Stücke „Thomas Adamsohn“, „Das Dunkel“ und „Die Schleuse“. Er lebt mit Frau und vielen Kindern in einem kleinen Dorf im Schwarzwald, nicht ganz unähnlich wohl jenem Dichter, dessen Leben er hier ohne Beschönigungen beschreibt.

Wie erstaunlich, daß uns bei dem Wort „Dichter“ noch immer die Halluzination einer Dachkammer aufsteigt. Solche Spitzweg-Behausungen sind doch für den modernen Autor längst außer Mode gekommen. Höchstens das Behelfsheim bewahrt noch einen ganz entfernten Abglanz davon. Aber welcher von unseren Dichtern wohnte noch in einem Behelfsheim?

Eher schon haust er in einem der schwindelerregenden Hochhäuser. Die meisten aber leben in einem Landhaus im Bungalowstil irgendwo abseits von der geräuschvollen Welt. Die Phonzahl der Großstadt und der Autostraßen treibt ihn in die Einsamkeit. Die literarisch berühmte Dachkammer überläßt er dem möblierten Herrn. Bemerkenswert ist die Verwandlung seines Äußeren. Er kleidet sich elegant, aber schlicht und unauffällig, je nach der Höhe seiner Honorare. Lange Haare sind nur periodisch bei ihm noch feststellbar, nämlich immer dann, wenn er an einem größeren Werk arbeitet, beispielsweise an einem Roman, und über dem Drängen des Verlegers das Friseurhandwerk völlig vergißt. Begegnet uns ein Mensch mit langer Mähne, können wir in ihm eher einen Maler oder Bildhauer vermuten, ein Mitglied jener Zunft also, die Tradition und historische Oberlieferung weniger in ihren Werken als in ihrer äußeren Erscheinung wahrt.

Der Tageslauf eines Dichters, auch hier sollten wir unsere Vorstellungen korrigieren, ist recht prosaisch. Der Ungebundene kann es sich leisten, lange zu schlafen. Und das tut er auch – nicht weil er die Nacht hindurch etwa der Unsterblichkeit gefrönt hätte, vielmehr weil das so die Eigenart unserer jüngeren Autoren ist.

Abends geht er meist auch um zehn Uhr ins Bett, nach den Nachrichten. Er trinkt wenig, raucht nicht übermäßig und ist überhaupt – im Gegensatz zu den Kollegen früher – auf seine Gesundheit bedacht.

Dies hat seinen guten Grund. Er kann es sich heutzutage einfach nicht mehr leisten, frühvollendet und vorzeitig ins Grab zu sinken. Das hat ihn die Erfahrung gelehrt. Für ihn ist es notwendig, seine Kritiker zu überleben. Während sie noch dem Pathos der zwanziger Jahre huldigen, ist er ihnen mit der neuen Trockenheit seines Stils, der Untertreibung, weit voraus. So kann er erst dann zu Ruhm und Ansehen gelangen, wenn die neue Kritikergeneration, seine Generation also, die Schlüsselpositionen bezogen hat, Dichter kann man im zartesten Kindheitsalter sein, Kritiker erst, wenn man die Dreißig überschritten hat.