Nach der Auseinandersetzung mit den Ansichten eines der kritischsten Casanova-Biographen, Gustav Gugitz, wiederholte Thilo Koch am Schluß seiner vorigen Artikelfolge über Casanova die Frage vieler anderer vor ihm: Wie mag wohl der gewaltige Epikureer des 18. Jahrhunderts ausgesehen haben? Der hier folgende Teil der Interpretation von Casanovas Autobiographie durch Koch gibt darüber näheren Aufschluß.

Pietro Chiari, ein venezianischer Schriftsteller und intimer Feind Casanovas, schildert ihn in seinem Roman „La Commediante in Fortuna“ unter dem Namen Vanesio so:

„Unter anderen war da auch ein gewisser Herr Vanesio von unbekannter und, wie man wenigstens sagte, unehelicher Herkunft, er war wohlgebildet von Gestalt, von olivenbrauner Gesichtsfarbe, geziert in seinem Benehmen und von unglaublichem Freimut. Dieser wollte mein Hausfreund sein, aber ihm fehlte das erste Erfordernis dazu: die Liebenswürdigkeit, Er glich in bürgerlichen Kreisen einer jener Himmelserscheinungen, von denen man nicht weiß, woher ihr Glanz rührt. Ich will sagen: Von ihm wußte man nicht, wie er es machte, um zu leben, denn er hatte weder Grundbesitz noch Ämter, und er verstand nichts, was ihm ein so anständiges Einkommen gewähren konnte, wie er es, seiner Kleidung nach zu schließen, haben mußte. Er schwärmte für alles Ausländische. Immer glatt geleckt wie ein Narziß, immer geschwollen und aufgeblasen wie ein Ballon, immer in Bewegung wie ein Mühlrad, war er stets unterwegs, sich überall einzudrängen. Bei allen Damen spielte er den Galanten, in alle günstigen Umstände wußte er sich zu schicken, die ihm Geld oder Liebesglück verschaffen konnten. Bei den Habsüchtigen spielte er den Geldmacher, bei den schönen Damen den Dichter, bei den großen Herren den Politiker – er war bei allen alles, was die Umstände erforderten. Aber nach dem Urteil aller Vernünftigen erreichte er damit weiter nichts, als sich lächerlich zu machen. Flüchtig wie die Luft, von der sein Gehirn voll war, konnte er in einem kurzen Tage der geschworene Freund und der unversöhnliche Feind ein und derselben Person sein.“ (Gugitz, 167,168)

Casanova bezeichnet Chiari als eine der Ursachen seiner Verhaftung im Jahre 1755. Er war zur Zeit dieses unfreundlichen Porträts aus Chiaris Feder also dreißig Jahre alt und nach seinen ersten Reisen wieder zu Hause in Venedig, das man einen „Venusberg an der Heerstraße Europas“ genannt hat, und eine Theaterrepublik.

Es war die Stadt Goldonis, Canalettos, Tizians; die golden flirrende Luft auf venezianischen Bildern ist auch um Casanova. Ein wollüstiger Luxus hat sich während der Jahrhunderte in der Lagunenstadt aufgespeichert; in den Palästen Atlas und Seide, Gobelins, Spiegel und Gläser aus Murano; der Canale Grande, die Gondolieri, die Piazza San Marco. Es ist eine kitschige, kostbare, schwülstige Kulisse, wie geschaffen – für ein Schauspielerleben, wie es Casanova im Sinne hatte.

*

„Der Kultus der Sinnenlust war mir immer die Hauptsache: niemals hat es für mich etwas Wichtigeres gegeben. Ich fühlte mich immer für das andere Geschlecht geboren; daher habe ich es immer geliebt und mich von ihm lieben lassen, so viel ich nur konnte. Auch die Freuden der Tafel habe ich leidenschaftlich geliebt, und ich habe mich für alles begeistert, was meine Neugier erregte.“ (1,22)