Von Jürg Niehans

In einer Zeitspanne der konjunkturellen Beruhigung und Normalisierung sehen sich manche Konjunkturprognostiker enttäuscht. Wirtschaftszweige, die in der jüngsten Vergangenheit eine stürmische Aufwärtsentwicklung erlebten, empfinden das ruhigere Wachstum bereits als Zeit der Flaute. In den betreffenden Branchen ist man geneigt, dem Pessimismus zu verfallen; einer Geisteshaltung, die im Wirtschaftsleben die verhängnisvolle Tendenz hat, sich selber zu bestätigen. Wir glauben, daß es sinnvoll ist, sich logisch und leidenschaftslos die Grenzen, welche die Volkswirtschaft auf die Dauer jeder Stürmischen Expansion in einzelnen Industriezweigen setzt, vor Augen zu führen. Die Furcht vor der Depression wird dann nicht an die Stelle eines falschen Glaubens an die Überkonjunktur treten müssen. Dies, und der Beweis, wie wichtig das gesamtwirtschaftliche Denken auch für einzelne Industriezweige ist, sind die Anliegen dieses Artikels eines sehr guten Kenners der Konjunkturlehre.

Es ist die Kunst auch des wirtschaftlichen Beobachters, im Kleinen das Große zu sehen. Der Zufall wollte es, daß der Verfasser dieser Zeilen in den letzten Wochen verschiedenen wirtschaftlichen Voraussagen begegnete. Auf den ersten Blick erweckten diese den Eindruck, vorwiegend technischer und jedenfalls sehr spezieller Natur zu sein. Bei näherem Überdenken hingegen schienen sie für gewisse Prozesse, die im Zuge des Konjunkturwechsels von großer Bedeutung sind, in hohem Maße typisch zu sein. Was das Lehrbuch in abstrakten Sätzen ausspricht, wurde in ihnen zu anschaulicher Wirklichkeit. Es mag deshalb gerechtfertigt sein, diese Beispiele im folgenden näher zu betrachten und einige allgemeine Schlußfolgerungen daran zu knüpfen. Dies hat nicht den Sinn einer Kritik an den betreffenden Prognosen. Vielmehr ist es möglich, daß diese sich jedenfalls in der näheren Zukunft bewahren oder, wenn sie sich als falsch erweisen sollten, jedenfalls nicht zu irgendwelchen Fehldispositionen Anlaß geben. Sie scheinen aber besonders gut geeignet, die Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Punkte zu lenken.

Eigenartige Voraussagen

Ein erstes Beispiel. Der Ausbau der Wasserkräfte ist für zahlreiche Länder, beispielsweise auch die Schweiz, eine langfristige. Investitionsaufgabe großen Maßes. Eine falsche Einschätzung des zukünftigen Elektrizitätsverbrauches und des Zeitpunktes, zu dem Atomkraft billiger sein wird als Wasserkraft, kann offenbar zu ansehnlichen Fehlinvestitionen führen. Die beteiligten Unternehmungen und Verbände schenken denn auch dem Problem der Bedarfsprognose alle Aufmerksamkeit. Am nächsten scheint es zu liegen, eine solche Prognose auf der Erfahrung der letzten Jahrzehnte aufzubauen. Diese zeigt, daß sich der Energiekonsum seit 1910 ungefähr alle zehn Jahre verdoppelte. Merklich langsamer war die Entwicklung nur in den dreißiger fahren, doch scheint dies angesichts der damaligen Depression eine jener Ausnahmen zu sein, welche die Regel bestätigen. So spricht man denn heute nicht selten geradezu von einem „Gesetz“, wonach sich der Elektrizitätsverbrauch alle zehn Jahre verdoppele. Von einem ähnlichen „Gesetz“ hört man gelegentlich im Luftverkehr sprechen, nur daß hier die Verdoppelung schon nach je fünf Jahren zu erwarten sein soll.

Beschränkt man seinen Gesichtskreis auf die betreffenden Wirtschaftszweige, so scheinen beide der genannten „Gesetze“ auf soliden Erfahrungen zu beruhen. Sie hätten jedoch, wenn sie stimmen würden, eine eigenartige Konsequenz. Da nämlich die Gesamtwirtschaft keinesfalls im gleichen Tempo wachsen kann, wie nach diesen Erfahrungsregeln der Elektrizitätsverbrauch und der Luftverkehr wachsen sollten, müßte der Anteil dieser Wirtschaftszweige am Sozialprodukt fortgesetzt zunehmen, und zwar derart schnell, daß schon nach einigen Jahrzehnten für andere Güter schlechterdings kein Platz mehr übrigbliebe. Wahrscheinlich schon unsere Kinder, jedenfalls aber unsere Enkel würden es somit erleben, daß der Mensch überhaupt nur noch elektrischen Strom und Luftreisen zu konsumieren hätte. Diese Lebensform ist offenbar allzu ätherisch, um möglich zu sein. Infolgedessen kann mit Bestimmtheit vorausgesagt werden, daß die genannten „Gesetze“ in einiger Zeit, spätestens in ganz wenigen Jahrzehnten, durch die Tatsachen widerlegt sein werden, da sie mit der Wachstumsrate anderer Sektoren nicht vereinbar sind. Schon heute scheint bei der Elektrizität dieser Prozeß der „Revision nach unten“ in Gang gekommen zu sein. Glücklicherweise werden die gegenwärtigen Ausbaupläne dadurch vorläufig nicht tangiert.