Brechts „Happy End“ macht Vergnügen

Seitdem Bertolt Brecht tot ist, widerfährt einigen seiner Stücke eine merkwürdige Verwandlung. In der westlichen Aufführungspraxis wird das ideologische Element zurückgedrängt und das Poetische, das Vergnügliche, ja, das nur Unterhaltsame betont. Zwar wollte Brecht erklärtermaßen seine Lehren auf dem Umweg über das Vergnügen des Zuschauers erteilen. Wo aber die Grenze einer stilistisch zulässigen Entschärfung verläuft, das dürfte vor allem in den „Meisterwerken“ schwierig zu bestimmen sein.

Faßbar wird das Phänomen bei den vorwiegend musikalischen Stücken, die Brecht mit dem Komponisten Kurt Weill geschrieben hat. „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ erwies sich bei der ersten Nachkriegsaufführung 1957 in Darmstadt als ein fast thesenloser Stoß ins Leere. Sogar ihr stärkster Schlager, die „Dreigroschenoper“, wirkt heute nicht mehr durch ihre sozialkritische Anklage.

Langsam wird begreiflich, warum es Berlin-Westend war, das schon 1928 die Uraufführung im Theater am Schiffbauerdamm zur Oberraschung der Autoren entschied: Man hörte vorbei an der „Entlarvung“ einer „kapitalistischen“ Gesellschaft, aber man schlürfte genüßlich die Songs.

Bestätigt wird die Vertauschung von Substanz und Fassade durch den Erfolg, den plötzlich ein Stück findet, das anfangs ein Mißerfolg war: „Happy End.“ Seine mysteriöse Entstehungsgeschichte beweist, daß die Ideologen rund um Brecht und er selber keineswegs unempfänglich waren für die Ausnutzung einer „Erfolgsmasche“, die sich ihnen im Theater anzubieten schien. So schickten sie der quasi linientreuen „Dreigroschenoper“ eine – wie man gesagt hat – Kurfürstendamm-Fassung nach (die 1929 auch am Schiffbauerdamm uraufgeführt worden ist). Obwohl es sich bei dieser „Magazingeschichte“ lediglich um ein Gangsterspektakel handelte, in das billige Wirkungen aus der Heilsarmee eingeblendet wurden, wirkte der Aufguß enttäuschend. Damals.

Heute kann „Happy End“ Aufführungsserien wie die originale „Dreigroschenoper“ selber erreichen. Das zeigte sich bei einem ersten Versuch der Kleinen Komödie in München. Das dürfte sich jetzt in Ida Ehres Hamburger Kammerspielen wiederholen. Hier hatte Peter Elsholtz eine in der Anlage stilgerechte Aufführung inszeniert, die ihm schließlich als toller Silvesterjux davonlief.

Als Otto Kuhlmann sich als singgewandter Operettenbuffo über Weills Songstil, der auf Schauspieler gemünzt war, hinwegsetzte, als er dazu die Verkleidungseffekte von „Charleys Tante“ ausspielte, da gab es für den Premierenjubel kein Halten.