Pablo Picasso (geb. 1881): „Guernica“, 1937. Öl auf Leinwand, 351:782 cm. New York, Museum of Modern Art (Leihgabe des Künstlers).

1937 erlitt die nordspanische Stadt Guernica (in der Nähe von Bilbao) die erste totale Vergeltung durch modernen Luftkrieg. Unter dem Eindruck des ungeheuerlichen Ereignisses schuf Picasso für die Pariser Weltausstellung des gleichen Jahres das berühmteste „Gefallenendenkmal“ des 20. Jahrhunderts.

In diesem Bild verdichtet Picasso den besonderen Fall zur allgemeingültigen Aussage. Er enthebt die Hauptbeteiligten ihres menschlichen Wesens und legt damit das Unmenschliche der Greuel bloß: Er gebraucht den Stierkampf als Gleichnis. Franco als unversehrter Stier wendet den Kopf zur Seite – er wird immer mit Recht beteuern können, nichts von Untergang gesehen zu haben. Die Verstellung seiner Augen leuchtet sofort ein, wenn man darin verschiedene Positionsangaben des Kopfes während der Bewegung erblickt.

Spanien als verwundetes Pferd schreit unter Lanzenstichen auf, die nach der Kampfregel dem Stier hätten gelten müssen. Die Urheber seiner Vernichtung bleiben unsichtbar! Francos Feind als gestürzter Picador liegt in der Haltung des gekreuzigten Christus mit zerbrochenem Schwert am Boden: was die Niederlage symbolisiert.

Das Gleichnis wird einer höheren, richtenden Ordnung unterstellt: Während sich der Verlust an Menschenwürde nirgends ergreifender als in jener Frau links zeigt, die ihr Kind dem Stier wie einem Fetisch entgegenhebt, weht von rechts der Engel herein, den sein Leuchter als apokalyptische, racheverheißende Erscheinung ausweist.

So entschlüsselt sich das Bild von selbst – denn Picasso malt gegenstandsbezogen, freilich nicht naturalistisch. Jeder Bildteil läßt sich klar als Grundform von tatsächlichen Erscheinungen erkennen. Und in völliger Übereinstimmung mit der Wirklichkeit von Bomben, Toten und Ruinen kam diese Darstellung nur noch deformierte Gestalten vorführen.

Picasso äußerte sich zu einem politischen Ereignis unserer Zeit (vgl. Goya 1814, Delacroix 1824). Unter Verzicht auf billige Karikatur und oberflächliche Aburteilung vermittelte er in dem kraftvollen Stier die merkwürdige Verführung, die von Macht ausstrahlt: gewöhnlich überschreitet sie zunächst das Fassungsvermögen des einzelnen und entzieht sich solange seiner Kritik.