Das Gerücht, daß in „North Beach“ etwas los sein soll, hat auf die sensationslüsternen Bürger eine große Anziehungskraft. So sieht man neben der „Beat Generation“ auch Herren und Damen der Gesellschaft, die nach einem allzu langweiligen Abend in ihren mit weißen Nelken dekorierten dinner jackets und orchideengeschmückten Abendkleidern einen Ausflug in die „Unterwelt“ wagen. Staunend gaffen sie bärtige Männer und schwarzbehoste Mädchen an. Gelegentlich kommt es auch zu handgreiflichen Meinungsverschiedenheiten, wobei manchmal die Nelke aus dem Knopfloch fällt, die Orchidee zerrupft wird, das seidene Kleid ein Dreieck und der Smoking einen Schmutzstreifen bekommt. Jedenfalls Grund genug, daß die Polizei nach dem Rechten sieht und die angegriffene Gesellschaft vor den „Beatniks“ schützt.

Neben der Musik, besonders den blues und den spirituals aus dem Süden, interessiert sich die „Beat Generation“ für ungegenständliche Malerei, Philosophie und Literatur, vor allem für eine neuartige vom Jazzrhythmus inspirierte Lyrik.

In vielen Lokalen in San Francisco, wie zum Beispiel dem „Iron Pot“ und dem „Vesuvio“, werden Bilder ausgestellt; in dem Lokal „Tea Room and Coffee Gallery“ gibt es ständig wechselnde Ausstellungen, und die Beleuchtung ist so, daß man die Bilder wirklich sehen kann. Farb- und Formprobleme werden diskutiert, nicht leidenschaftlich, sondern cool und detached.

„Anxious Asp“, die „Aufgeregte Espe“, ist weniger gut beleuchtet. Einige in Chiantiflaschen gesteckte Kerzenstümpfe müssen genügen Die große Attraktion ist der mit Seiten aus dem Kinsey Report tapezierte kleine Ort, auf den sich die Damen manchmal zurückziehen. Falls die Besucherinnen noch, keine entsprechenden Informationen haben, finden sie hier genaue Statistiken über das Sexualleben des anderen Geschlechts.

„The Place“, einer der wichtigsten Treffpunkte der Bohème, ist berühmt für die sogenannte „Blabbermouth Night“. An bestimmten Tagen kann jeder, der sich dazu berufen fühlt, das Publikum von einem erhöhten Platz aus von seinen politischen, philosophischen oder künstlerischen Ansichten überzeugen. Er findet immer Zuhörer. „The Place“ ist maßgebend für die Mode der „Beatniks“. Blue jeans und eine abgeschabte Lederjacke ist die klassische Kleidung der Männer. Die Barttracht dagegen wechselt. Der Barmixer hätte in Oberammergau auftreten können, während der junge Mann an der Theke eher wie ein Höhlenbewohner aussieht. Die historisch zurechtgestutzten Bärte werden von der „Beatnik-Dekadenz“ getragen und sind nicht eigentlich charakteristisch. Haarschnitt und Sauberkeit ist recht unterschiedlich. Die manchmal wirklich fanatische Hygiene der amerikanischen Gesellschaft wird von der „Beat Generation“ abgelehnt; vor allen Dingen deshalb, weil das Geld immer knapp ist, und Musikinstrumente, Jazzplatten, Farben, Leinwand und Bücher viel begehrter sind.

Die Mädchen sind meist dunkel angezogen, zum Teil weil das ihrer Stimmung entspricht, aber wohl auch, um Reinigungskosten niedrig zu halten. Sie lieben enge Hosen, lange, dunkle Strümpfe und vor allen Dingen leotards, eine Kombination von beiden in der Art der Trikots, die bisher nur von Ballettänzern und Schlittschuhläufern – getragen wurden. Sie wirken ungeschminkt, fast fahl. Ihre Lippen sind häufig blaßrosa getönt; nur die Augen werden akzentuiert. Der Pferdeschwanz und Françoise-Sagan-Haarschnitt sind nicht mehr modern. Die meisten Mädchen tragen ihre Haare lang. Sie hängen glatt herunter und wirken wie Vorhänge, die manchmal das halbe Gesicht verdecken. Manche Mädchen gleichen geschmeidigen Katzen, andere wieder düsteren Nachteulen. Nur die Neger, die von den „Beatniks“ völlig akzeptiert werden, sind glattrasiert, sauber und elegant gekleidet.

Überall wird sehr viel geraucht. Wein, Bier und Kaffee sind die Hauptgetränke. Wenn das Geld dazu reicht, essen die „Beatniks“ Pizza, Spaghetti, Ravioli oder auch chinesische, armenische und mexikanische Gerichte. „Hot Dogs“ und „Hamburgers“ sind ebenso verpönt wie Coca Cola.