Die Überzeugung, daß die Zinssenkung in der Bundesrepublik in den nächsten Monaten neue Fortschritte machen wird, hat vornehmlich das Rentengeschäft belebt. Die neuen 5 1/2prozentigen Anleihen zu 99 v. H. finden gute Aufnahme. Aber auch das Aktiengeschäft wurde durch die Zinssenkungsversionen weiter angeregt. Sie trafen auf ein politisch etwas entspanntes Klima und führten zu neuen Kurssteigerungen, durch die in einigen Werten die Höchstkurse von Mitte November 1958 überschritten wurden. Dabei fiel auf, daß die Spekulation zunächst noch sehr schnell mit Gewinnrealisationen bei der Hand war, später jedoch, als die Tendenz anhaltend fest blieb, nur noch sehr zögernd Verkäufe vornahm, zumal der Mikojan-Besuch in den USA die Furcht vor einer „harten“ Antwort der Sowjets auf die Noten der Westmächte gemildert hat. Allerdings gehört das Wort „Berlin-Risiko“ nach wie vor zum Sprachschatz der Börsianer, wenngleich es viel seltener als noch vor einigen Wochen verwendet wird.

Durch seine sehr feste Tendenz trat der Markt für Bankaktien hervor. Die Kreditinstitute haben mit den Bilanzarbeiten begonnen und dürften in der Mehrzahl ihre Dividendenentscheidungen Ende Februar/Anfang März bekanntgeben. Bei den Großbanken rechnet die Börse mit Dividenden von einheitlich 14 v. H. Ob es Kapitalerhöhungen geben wird, ist noch völlig offen. Die in der Schweiz kursierenden Gerüchte über Gratisaktien bei einer Großbank sind allein schon deshalb verfrüht, weil hierfür zunächst noch die gesetzliche Grundlage fehlt. Als eine der ersten Banken dürfte auch in diesem Jahr wieder die Vereinsbank in Hamburg ihre Hauptversammlung einberufen. Dann wird es vermutlich auch sichtbar werden, wieweit die Bemühungen Oetkers zu einem Erfolg geführt haben, sich auch bei der Vereinsbank eine Position zu verschaffen.

Bei den Chemie-Werten blieben die IG-Farben-Nachfolger trotz neuer Höchstkurse im Mittelpunkt des Anlageinteresses. Hier lauten die Dividendenerwartungen auf 13 bis 14 v. H. Ein ziemlich sicheres Bezugsrecht ist zunächst nur bei den Farbwerken Hoechst in Aussicht; Bayer hat seine Kapitalerhöhungspläne zunächst zurückgestellt. Erwartungsgemäß sind die Aktien der Chemie-Verwaltung weiter nach oben geklettert. In Börsenkreisen bezeichnet man diesen Wert als das Spekulationspapier der kommenden Monate!

Wenn die beiden großen Elektrowerte AEG und Siemens hinter den Kurssteigerungen der Chemie-Gruppe herhinken, dann liegt es an den großen Berlin-Interessen beider Gesellschaften, die offensichtlich manche ausländischen Anleger davon abhält, sich in diesen Papieren zu engagieren. Im übrigen aber ist das Ausland an die deutschen Börsen zurückgekehrt. Man sollte sich allerdings vor der Erwartung hüten, daß die Konvertibilitätsmaßnahmen vieler europäischer Staaten sofort die Nachfrage nach deutschen Werten beleben werden. Die Konvertibilität gilt nur für Ausländer; die Staatsangehörigen der jeweiligen Länder sind nach wie vor einschränkende Bestimmungen bei der Anlage in Auslandswertpapieren unterworfen.

Die Papiere der Eisen- und Stahlindustrie konnten von der allgemeinen Aufwärtsbewegung profitieren, doch bleibt die Zurückhaltung, mit der die Börse diesen Werten wegen der schleppenden Auftragseingänge begegnet, unverkennbar. Die inzwischen bekanntgewordenen Dividendenentscheidungen entsprechen zwar bislang allen (nicht sehr hoch geschraubten) Erwartungen, aber es hat sich inzwischen ein gewisser Pessimismus hinsichtlich der Dividenden für das laufende Jahr ausgebreitet, der die Börse veranlaßt, die Kurse „nicht voll auszureizen“. Kurt Wendt