Junge Regisseure und alte, die man nicht so kannte

Paris, im Januar

Man kann nicht sagen, daß es mit der französischen Filmkunst bergab ging, aber was da seit Kriegsende produziert wurde, das war doch meist, stilistisch und thematisch, der Versuch, an alte Erfolge anzuknüpfen.

Das letzte Jahr unterschied sich da kaum von den vorhergehenden. Zu den besten Filmen gehörte die „Mausefalle“ („Porte des Lilas“) von René Clair, ein schöner Film, den derselbe Regisseur vor 20 Jahren kaum anders gedreht hätte. Aber durch das Fernsehen gedrängt, sahen sogar die Produzenten ein, daß man nicht ewig so weitermachen könnte, und man sah erstaunlich viele Filme, mit denen neue Regisseure ihr Talent zu beweisen versuchten. Sie hatten alle ihre Erfahrungen mit dem Film, sei es als 3. Regieassistent oder als erfolgreicher Regisseur von Kurzfilmen; aber so ein Spielfilm ist doch eine ganz andere Aufgabe, die nicht gleich beim ersten Male gelingt.

Der jüngste von diesen neuen Regisseuren, Louis Malle, erhielt für „Fahrstuhl zum Schafott“ sogar den Preis „Louis Delluc“; er hatte schon bei Cousteaus Reportage vom Meeresgrund „Die Welt des Schweigens“ assistiert, und als sein erster Film auch ein geschäftlicher Erfolg wurde, gab man ihm für seinen nächsten Film freie Hand. Alle Hoffnungen, die man in ihn setzte, hat er nun erfüllt mit „Die Liebenden“ (Les Amants), für den er den „Sonderpreis der Jury“ bei der Biennale in Venedig erhielt.

Das ist ein klarer, einfacher Liebesfilm, wieder mit der intelligenten, sensiblen Jeanne Moreau in der Hauptrolle. Sie hat einen reichen Mann in der Provinz geheiratet, Alain Cuny, der sich aber mehr für seinen Zeitungsverlag als für seine Frau interessiert, der sie mit seinen schönen Phrasen von ewiger Liebe nur langweilt; sie hat ein schönes Haus, ein Kind, einen Liebhaber in Paris und sie lebt so dahin, bis sie mit einem jungen Mann, dem die Werte ihres Lebens nichts bedeuten, die Liebe erlebt und mit ihm davongeht. Ob sie tatsächlich sich so ein neues Leben wird aufbauen können, das bleibt offen.

„Brief aus Sibirien“