Auf der größten der Antillen-Inseln oder – wie die Touristen sie zuweilen nennen – auf der „Perle der Karibischen See“ ist wieder Ruhe eingekehrt. Zwar gewiß noch nicht jene „paradiesische Ruhe“, von der bunte Plakate an den Wänden aller nordamerikanischen Reisebüros künden – aber immerhin: der Schlachtenlärm, oder besser der Scharmützellärm, der seit Jahr und Tag durch den Urwald der Insel Kuba hallte, durch ihre Berge, Dörfer und Städte, er ist verstummt.

Fidel Castro hat gesiegt – jener hünenhafte, bärtige Rebellenchef, der so in seine Kämpferrolle verliebt war, daß er, näherte sich ihm im Urwald eine Kamera-Linse, flugs die Brille abnahm. Er, der 32jährige Doktor der Jurisprudenz und ehemalige Rechtsanwalt in Havana, wollte um keinen Preis als intellektueller Aufrührer gelten. Er wollte ein Freiheitskämpfer sein, und in der Tat: er hat seinem Volk die Freiheit erkämpft. Nur weiß man jetzt noch nicht so recht, was dieses Volk und was Castro mit der neuen Freiheit anfangen werden. Und man weiß auch nicht, ob Castro, der ein guter Kämpfer war, nun auch zum guten Politiker werden wird. Wenn die Lateinamerika-Experten im State Department das alles schon genau wüßten, dann wäre man in Washington sehr viel beruhigter.

So aber bleibt den Diplomaten am Potomac kaum etwas anderes übrig, als ihre Sorge und auch ihr schlechtes Gewissen noch eine Weile mit sich herumzutragen. Denn wenn auch Fidel Castro, der bei seinen Landsleuten durch seine Persönlichkeit gewirkt hat, nicht aber durch ein klares und zündendes Programm, jetzt sehr nachdrücklich erklärt hat, er sei kein Kommunist – so deutet doch vieles darauf hin, daß er auch kein Freund der Amerikaner ist, jedenfalls kein Freund der Regierung in Washington. Zu lange hat diese, dem Gewaltherrn Fulgencio Batista ihre Unterstützung geliehen, dem Diktator, der es immer wieder verstand, sich bei dem Nachbarn im Norden einzuschmeicheln, indem er verkündete, jener Castro sei ein radikaler Roter.

Nun, da der Bürgerkrieg entschieden ist, hat der Sieger, der Volksheld, dessen Marsch zur Hauptstadt ein großer Triumphzug wurde, nicht sogleich nach der Krone der Macht gegriffen. Vielmehr setzte er seinen Freund, den erst kürzlich aus amerikanischem Exil zurückgekehrten ehemaligen Richter Dr. Urrutia als provisorischen Präsidenten ein. Er selbst, der nach der kubanischen Verfassung drei Jahre zu jung für das Präsidentenamt ist, begnügte sich mit dem Posten des Oberkommandierenden der Streitkräfte. Niemand indes zweifelt daran, daß er in der Politik seines Landes ein sehr gewichtiges Wort mitzusprechen haben wird.

Batista aber, den derart kleine, verfassungsrechtliche Bedenken während seiner skrupellosen autokratischen Regierungszeit nie angefochten haben, ist in der Neujahrsnacht ganz heimlich in die Dominikanische Republik geflüchtet. Lateinamerika, jener Weltbezirk, in dem seit vielen Jahrzehnten die Herrschaft der Diktatoren geradezu politische Regel war, hat damit wieder einen Diktator von dem Schalthebel der Macht hinweggestoßen. Nun sind es nur noch zwei: General Stroessner in Paraguay und Rafael Leonidas Trujillo, der seit 26 Jahren unumschränkt über die Dominikanische Republik herrscht.

Bei Trujillo (er hat den gestürzten Herrn der mittel- und südamerikanischen Staaten von jeher erstes Asyl gewährt) findet Batista einen Leidensgenossen: den ehemaligen argentinischen Staatspräsidenten Peron. Drei Diktatoren an einem Orte und nur noch einer regiert: dies scheint ein deutliches Symbol zu sein für die neue politische Entwicklung eines jungen Kontinents. Die Seite mit dem Bild des ordensblitzenden Potentaten in schmucker Phantasieuniform, sie ist im Album der lateinamerikanischen Geschichte jetzt umgeblättert worden. Hans Gresmann