Von François Bondy

Mag sein, daß Frankreich sich im Politischen stärker dem Nationalismus zuneigt. Um so bedeutsamer, daß die Neugier, das Interesse des französischen Publikums in allem, was die Literatur, die Bühne-, den Film, die bildenden Künste angeht, kosmopolitisch geworden ist oder wenigstens so weltoffen wie kaum je zuvor.

Zwar fehlen heute im französischen Geistesleben die großen Weltbürger vom Schlag eines André Gide, eines Paul Valéry, es fehlen große Kritiker, die über die Autorität, den weiten Blick eines Thibaudet, eines Dubost verfügten. Und es gibt auch kaum eine Nachfolge der großen „Ecole de Paris“, zu der Picasso, Soutine, Chagall oder Modigliani ebenso selbstverständlich gehörten wie die gebürtigen Franzosen.

Jene gewaltige schöpferische Assimilationskraft, durch die Paris der Ort der Bewährung und der Entfaltung war, nicht nur der Autoren der französisch sprechenden Provinz im weitesten Sinn (Belgien, Waadtland, Tunesien, Kanada gehören dazu), sondern als ein Ort europäischer Stilbildung, ist nicht mehr in der gleichen Weise wirksam – ohne daß Paris in dieser Funktion von irgendeiner anderen Kulturmetropole ersetzt worden wäre.

Die Weltbürgerlichkeit der französischen Kultur, wie sie sich in erster Linie in Paris heute darstellt, ist eine andere – zugleich bescheidener und verpflichtender. Sie liegt in der Bereitwilligkeit, fremden Geist als solchen auf sich einwirken zu lassen – ohne ihn vorerst durch restlose „Französisierung“ genießbar zu machen, wie einst der Marquis de Vogue Dostojewskij durch Bearbeitung und Kürzung „genießbar“ machte.

Daß Ausländer gute französische Schriftsteller werden, ist nicht neu. Aber daß die drei Namen, die die Avantgarde des Pariser Theaters resümieren, Ionesco, Beckett, Adamov lauten, hat zwar Entsprechungen auf dem Gebiet der bildenden Kunst (in der Skulptur etwa Brancusi und Giacometti), aber nicht in der Geschichte des französischen Theaters. Daß der Rumäne E. M. Cioran, der Russe Wladimir Weidle Essayisten französischer Sprache wurden, ist nichts Erstmaliges. Schließlich ist Julien Green ein französischer Schriftsteller geworden und vor ihm der zu Unrecht vergessene Panait Istrati. Noch jetzt krönt der „Prix Rivarol“ jedes Jahr das französisch geschriebene Buch eines Ausländers.

Drei Bücher, die im verflossenen Jahr in Paris erschienen sind, können literarisch als „Ereignis“ gewertet werden, in einem Sinn, in dem es die französischen Literaturpreise des Dezember vom „Goncourt“ bis zum „Interallie“ nicht gewesen sind: nämlich die Novellen von Marek Hlasko, „Ferdydurke“ von Witold Gombrowicz und die „Geschichte meiner Frau“ von Milan Füsi. Nur der neue Roman von Aragon „La semaine sainte“ und die Memoiren von Simone de Beauvoir lassen sich in diesem Jahr an Bedeutung mit diesen „Entdeckungen“ vergleichen, durch die zwei Polen und ein Ungar von Paris aus in die geistige Weltöffentlichkeit eintreten. Von diesen drei ist nur Hlasko fast ebenso bald in anderen Sprachen bekannt geworden.