Vor 75 Jahren wurde die „Generalidee“ vom Fernsehen geboren

Von Gerhart Goefcel

Acht Jahre nach der Erfindung des Telephons, als Berlin ganze 1625 „Fernsprechteilnehmer“ zählte, beantragte ein 23jähriger Student – Paul Nipkow aus Berlin NW, Philippstraße 13a, Hof links, 3 Treppen – ein Patent für ein „Elektrisches Teleskop“. Der Prüfer beim Kaiserlichen Patentamt, der die Anmeldung bearbeitete, hat wohl schwerlich geahnt, daß darin die Generalidee des Fernsehens niedergelegt war. Pflichtgemäß stellte er fest, daß ein „Elektrisches Teleskop“ offenbar einen Fortschritt gegenüber dem Stande der Technik bedeute, die bis dahin nur die langsame telegraphische Übermittlung einzelner Bilder kannte, und daß ein solches Instrument weder in irgendeinem Lande der Welt durch eine öffentliche Druckschrift beschrieben noch gar im Inlande vorbenutzt war. Ob man wirklich mit diesem Apparat – wie der Erfinder in seiner Beschreibung behauptete – „ein an einem Orte A befindliches Object an einem beliebigen anderen Orte B sichtbar“ machen konnte, das zu untersuchen war nicht Aufgabe des Prüfers. So hatte er keine Bedenken, vor 75 Jahren, am 6. Januar 1884, dem Paul Nipkow sein „Elektrisches Teleskop“ in der Klasse 21 „Elektrische Apparate“ unter der Nummer 30 105 zu patentieren.

Morgens Helmholtz, abends Chopin

Paul Nipkows Familie stammte aus Stolp und war 1768 nach Lauenburg in Pommern übergesiedelt; der Vater war Bäckermeister. Paul, der am 22. August in Lauenburg geboren war, entlieh sich als Primaner einmal von einem Eleven der Reichspost für eine Nacht eins der damals im Telegraphendienst eingeführten Bellschen Telephone und – baute es nach. Damals kam ihm zum ersten Male der Gedanke, es müsse doch möglich sein, nicht nur Schall-, sondern auch Lichteindrücke und damit Bilder elektrisch zu übertragen. Nachdem er 1882 die Reifeprüfung bestanden hatte, studierte er an der Universität Berlin bei Helmholtz Physik und an der Technischen Hochschule Charlottenburg bei Slaby Elektrotechnik. Abends verdiente er sich seinen Lebensunterhalt, indem er in Gastwirtschaften Chopin, Schubert und Schumann spielte. Weihnachten 1884 heiratete er Sophie Colonius, eine Lehrerin aus ostfriesischem Bauerngeschlecht. Sie schenkte ihm drei Töchter und drei Söhne. Ein Onkel verschaffte Nipkow eine Stellung als Ingenieur bei einer Berliner Eisenbahn-Signalbau-Anstalt.

In seinen Mußestunden beschäftigte sich Paul Nipkow – noch vor Lilienthal – gern mit dem Problem des Schwingenfluges „schwerer als Luft“. 1897 erhielt er das DRP 112 506 über ein „Rad mit beweglichen Schaufeln für Luft- und Wasserfahrzeuge“. Ein Jahr später wurde ihm dazu ein Zusatzpatent Nr. 116 287 über ein „Insektenflugzeug“, eine Art Hubschrauber mit zwei seitlichen Luftschrauben, erteilt. Beide Erfindungen ließen sich natürlich damals mangels eines Motors mit genügend kleinem Leistungsgewicht nicht verwirklichen. Später taucht Nipkows Name in der Patentliteratur nicht mehr auf. Aus dem ideenreichen Jüngling wurde unter dem Druck familiärer Sorgen ein unscheinbarer Bürger, der aus seinem bescheidenen Gehalt bald nicht einmal mehr die Gebühren für sein erstes Fernsehpatent bezahlen konnte; er ließ es verfallen. „Man muß sich einmal was verkneifen können“, pflegte er zu sagen. 1919 wurde er pensioniert.

Inzwischen war auf nachrichtentechnischem Gebiet der Elektronenröhren-Verstärker während des ersten Weltkrieges aus dem empfindlichen physikalischen Apparat des Österreichers v. Lieben zu einem schützengrabenreifen Gerät entwickelt worden. Und nun erinnerten sich in Ungarn, in Deutschland, in England, in Holland und in den USA andere Erfinder des alten Fernsehpatents Nr. 30 105 von Nipkow: sie setzten einen Röhrenverstärker zwischen Geber und Empfänger, und – das Ding funktionierte. Das Hauptmerkmal der alten Nipkowschen Erfindung, die rotierende Bildfeld-Zerlegerscheibe mit ihren auf einer Spirallinie angeordneten Zeilen-Abtastlöchern, hatte in den 40 Jahren nichts von seinem Wert eingebüßt.