In der letzten Ausgabe der ZEIT haben wir die Berichte unserer Auslandskorrespondenten veröffentlicht, die schilderten, wie die Politiker in sechs Hauptstädten zur Berlin-Krise stehen. Im Anschluß daran hat uns unser Warschauer Mitarbeiter Ernst Halperin die nachfolgende Analyse der polnischen Haltung übermittelt.

Warschau, Anfang Januar

Nichts wünschen die herrschenden Partei- und Regierungskreise in Warschau sehnlicher, als daß die Berliner Frage so rasch, so geräuschlos und so friedlich wie nur irgend möglich von der Tagesordnung verschwindet.

Als Gomulka an jenem fatalen 10. November des letzten Jahres im Moskauer Sportpalast erklärte, daß Polen den sowjetischen Standpunkt in der Berliner Frage unterstütze, sprach er als disziplinierter Kommunist und als Gefolgsmann Chruschtschows. Der sowjetische Partei- und Regierungschef hat Gomulka bisher immer wieder gedeckt und unterstützt, und man hat in Warschau den Eindruck, daß er von allen Sowjetführern derjenige ist, der am ehesten Verständnis für Polen und für die schwierige Lage der polnischen Kommunisten hat.

Das ändert allerdings nichts daran, daß Warschau von Chruschtschows Vorstoß, dem notgedrungen die Unterstützung durch Gomulka folgte, peinlichst überrascht war. Denn das kommunistische Regime Polens braucht Ruhe. Es ist eben erst im Begriff, sich von den Erschütterungen des Jahres 1956 zu erholen. Eine gewisse Stabilisierung ist eingetreten. Das Experiment Gomulka – das Experiment einer kommunistischen Parteidiktatur, die auf das Instrument des Polizeiterrors verzichtet – ist bisher wider Erwarten erfolgreich verlaufen. Der im Westen vorherrschende Eindruck, daß Gomulka den Rückweg zum stalinistischen System angetreten habe, ist ganz einfach falsch.

Die neue, spezifisch polnische Entwicklungsform eines mit humanen Mitteln regierenden Kommunismus ist jedoch ein zartes Pflänzchen, das nur in einem milden internationalen Klima gedeihen kann. In der rauhen Luft des Kalten Krieges muß es zugrunde gehen. Und der Berliner Vorstoß Chruschtschows droht geradewegs zu neuen Höhepunkten des Kalten Krieges – wenn nicht zu noch schlimmerem – zu führen.

Vorläufig tröstet man sich in Warschau mit der optimistischen These, Chruschtschow habe die Berliner Frage nur aufgerollt, um die Westmächte zu einem neuen allgemeinen Gespräch, zu einer Gipfelkonferenz zu zwingen. Und seit der Ankündigung des Besuches Mikojans in Washington ist noch eine zweite optimistische These aufgetaucht: daß nämlich der Berliner Vorstoß mit den innenpolitischen Auseinandersetzungen in der Sowjetunion zusammenhängt, die seit November wieder einmal einen krisenhaften Charakter angenommen haben, und daß Chruschtschow die ganze Sache einschlafen oder in einem Kompromiß enden lassen wird, wenn er die Oberhand behält und der 21. Parteitag für ihn günstig verläuft. Ernst Halperin