Von Günther Specovius

Eine russische Prinzessin, die aus dem legendenumwobenen Geschlecht der Ruriks stammt, wurde unter Lenin vor die Alternative Flucht oder Tod gestellt. Sie floh – und kehrte nach 40 Jahren als Gattin eines westlichen Diplomaten für einige Monate nach Rußland zurück:

Sinaida Prinzessin Schakowskoy: „So sah ich Rußland wieder“, aus dem Französischen von Herbert Furreg; R. Piper & Co Verlag, München; 311 S., 15,80 DM.

Die sehr überlegen urteilende Autorin hält sich nie mit Details auf – so wichtig diese auch für einen Leser ohne eigene Anschauung sind. Sie beherrscht die Sprache des Landes vollkommen und hat beides: die Distanz der Weltbürgerin und die Blutsverwandtschaft der gebürtigen Russin. Sie ist geschickt genug, auch dort Einlaß zu finden, wo das Non plus ultra des „Intourist“ dem durchschnittlichen Reisenden den Zutritt verwehrt.

Bezeichnend dafür sind ihre umständlich getarnten Besuche bei einem Mann, den sie Alexander Michailowitsch nennt: ein positiver Doktor Schiwago, Verkörperung des gläubigen, alten Rußlands. Während das Radio laut eingestellt ist, um neugierige Nachbarn abzulenken, muß sich die Prinzessin belehren lassen: „Vergessen Sie nie, was der Metropolit Philaretes vom russischen Volke sagte: Es ist wenig Licht in ihm, aber viel Wärme.“

Alexander Michailowitsch, dessen Ausführungen zu den bedeutendsten des Buches gehören, klagte über nichts, weil das Entscheidende in Rußland erhalten geblieben sei: die Seele und der Glaube. Ausgerechnet aus dem Munde eines „Klassenfeindes“ hört die Prinzessin: „Urteilen Sie nicht zu schnell! Es ist nicht alles schlecht bei uns. Das neue Regime hat auch Gutes gewirkt.“

Ihrer Herkunft entsprechend – „Ich bin Russin mit tausend Jahren Erinnerung“ – beschäftigt sich Prinzessin Schakowskoy sehr ausführlich mit der religiösen Situation in der UdSSR. Ihre Überlegungen scheinen mir zu den besten zu gehören, die man gegenwärtig über dieses Thema kennenlernen kann. Sie räumt auf mit der immer wieder verbreiteten Meinung von der absoluten Freiheit der Religionsausübung in der Sowjetunion.