S. L., Berlin

Kurz vor Jahresende sind die Berliner Polizeiakten um drei Fälle bereichert worden, die sich binnen einer Woche ereignet haben und die allesamt einen politischen Akzent tragen:

Der Leiter eines Berliner Flüchtlingslagers für Ausländer (sprich: Staatsbürger des Ostblocks) wurde verhaftet, weil er unter dem Verdacht der Agententätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit der DDR steht. Der Verhaftete war Senatsinspektor und zugleich Mitarbeiter der politisch suspekten Zeitschrift SOS, deren Stab kürzlich wegen des Verdachts, landesverräterische Beziehungen zum Osten unterhalten und von dort finanzielle Zuwendungen kassiert zu haben, in Haft genommen worden war.

Zwei Tage später verhaftete die Westberliner Polizei einen Sachbearbeiter des Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen, der gleichfalls verdächtigt wird, für den Staatssicherheitsdienst der Zone gearbeitet zu haben.

Abermals zwei Tage später wurde in der Westberliner Zentrale der religiösen Sekte Zeugen Jehovas ein Einbruch verübt. Die Diebe hatten es nicht auf die dort verwahrten Geldbeträge, sondern ausschließlich auf eine Kartei abgesehen, in der zwölfhundert Namen von Besuchern aus der Zone samt Angabe der Herkunftsstädte notiert waren. Dazu muß man wissen, daß die Zeugen Jehovas in der Zone als angebliche „Agenten des amerikanischen Monopolkapitals“ verboten und die Mitglieder, deren man habhaft werden konnte, zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilt worden sind. Die Kartei wird nach den Vermutungen der Berliner Polizei wohl in den Ostsektor geschafft worden sein.

Diese drei Vorfälle haben nichts miteinander gemein außer der Tatsache, daß bei allen der kommunistische Staatssicherheitsdienst seine Hand im Spiel hatte – und daß sie sämtliche Bewohner der Sowjetzone gefährden oder schon gefährdet haben, die sich voller Vertrauen in Westberliner Büros begeben hatten. Während der Fall des Lagerleiters Herrmann-Behncke den Justizbehörden übergeben worden ist, über das Schicksal der zwölfhundert Besucher der Zeugen Jehovas aber bange Ungewißheit herrscht, liegen über die Tätigkeit des Referenten beim Untersuchungsausschuß, Dr. Kurt Werner, bereits Ermittlungsergebnisse des Ausschusses selbst vor. Danach war nicht nur der Staatssicherheitsdienst über interne Vorgänge im UfJ genau informiert und kannte die Privatadressen der Mitarbeiter; es sind auch drei Kontaktleute Werners aus der Sowjetzone verhaftet worden. Fünf weitere Zonen-Mitarbeiter konnten rechtzeitig gewarnt und nach Westberlin in Sicherheit gebracht werden.

Diese Fälle aber bringen das heikle Problem der Organisationen, die von Westberlin aus Kontakte mit Bewohnern der Zone unterhalten, wieder ins Bewußtsein. Die Erinnerung an einen anderen Mitarbeiter des Untersuchungsausschusses, Dr. Neumann, wird wieder wach, der im vergangenen Sommer bei einer Segelpartie auf dem Wannsee spurlos verschwunden ist und von dem bis heute niemand weiß, ob er entführt wurde oder sich freiwillig „absetzte“.