Bonn, im Januar

War es nur eine Höflichkeitsformel, oder stand eine ernsthafte Absicht dahinter, als Marschall Tito vor einiger Zeit dem Bundesaußenminister von Brentano durch einen Bekannten Grüße ausrichten ließ und dabei eine Andeutung machte, die von dem deutschen Gesprächspartner so verstanden wurde, als würde es der Marschall gerne sehen, wenn die abgebrochenen Beziehungen zwischen Bonn und Belgrad wieder in Gang kämen? Es scheint, daß man auch in Bonn gegen eine solche Wiederannäherung nichts einzuwenden hätte – aber: Wer macht den ersten Schritt?

Die Bundesregierung hat seinerzeit die diplomatischen Beziehungen mit Belgrad nicht leichten Herzens abgebrochen. Sie tat es um eines Prinzips willen, das man in Belgrad – vielleicht infolge falscher Informationen – nicht so ernst nahm, wie es auf deutscher Seite gemeint war. Und dies, obwohl die Bundesregierung seit langem keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit gelassen hatte, die diplomatischen Beziehungen zu jedem Staate abzubrechen, der seinerseits solche Beziehungen zu der sogenannten DDR aufnehmen sollte. Gerade das aber hat Tito getan.

Wir wissen nicht, was er sich damals davon versprach. Sehr viel herzlicher scheinen die Beziehungen zwischen Pankow und Belgrad dadurch nicht geworden zu sein. Zweimal in den beiden letzten Monaten hat sich der jugoslawische Vertreter bei offiziellen Anlässen ostentativ von Äußerungen des Pankower Regimes distanziert. In Bonn hat man diese Reaktion aufmerksam beobachtet, aber feststellen müssen, daß es Jugoslawien in beiden Fällen bei einer kurzen Geste der Verstimmung bewenden ließ. Zugleich aber hat das „verstimmte“ Belgrad das in seinem Handelsvertrag mit Pankow vorgesehene Handelsvolumen vergrößert. Was soll man also von jener Andeutung Titos halten?

Niemand denkt in Bonn daran, von Jugoslawien den plötzlichen Abbruch seiner diplomatischen Beziehungen mit Pankow als Voraussetzung für eine Annäherung zwischen der Bundesrepublik und Belgrad zu verlangen. Man würde sich in Bonn gewiß fürs erste mit einer Geste zufriedengeben und sich ebenfalls freundlich zeigen, etwa dadurch, daß das Personal unseres Konsulats in Belgrad auffällig verstärkt würde. So. könnten die beiden Länder allmählich wieder zueinander finden, und eines Tages würde man wieder dort stehen, wo man vor dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen gewesen war. Vorausgesetzt, daß es Tito will... R. St.