Er war wohl nicht gerade sadistisch veranlagt, aber seine Verachtung der Armut, der Schwäche, des Volkes, der demokratischen Bestrebungen, später der Französischen Revolution, lassen auf Gefühlsarmut in sozialer Hinsicht schließen. Er genoß es zweifellos, "oben" zu sein und andere unter sich zu sehen. War es eitel Selbstgefälligkeit, wenn er sich in den Memoiren immer als ein Feind von Ungerechtigkeit und Lüge hinstellt? Gern will er andere glücklich gemacht haben, aber freilich vor allem – oder nur? – dann, wenn er selber gleichzeitig dadurch glücklicher wurde.

Ein Beispiel dafür, daß er sich nicht an den Leiden anderer weidete, ist Casanovas Kommentar zu der berühmt-berüchtigten Hinrichtung Robert François Damiens, eines Franzosen, der versucht hätte, Ludwig XV. zu ermorden.

"Der achtundzwanzigste März war der Tag, an welchem Damiens seine Todesqual erleiden sollte. Ich holte die Damen in der Frühe bei der Lambertini ab, und da mein Wagen uns kaum alle faßte, so nahm ich ohne Schwierigkeit meine reizende Freundin auf den Schoß, und so fuhren wir auf den Greveplatz. Die drei Damen drängten sich in dem von mir gemieteten Fenster so gut zusammen, wie es ging, und nahmen die Vorderreihe ein; wir besaßen die Standhaftigkeit, vier Stunden lang dem entsetzlichen Schauspiel zuzusehen. Damiens’ Hinrichtung ist so bekannt, daß ich davon nicht zu sprechen brauche; die Erzählung würde zu lang sein, und außerdem gehen mir derartige Greuel gegen die Natur. Damiens war ein Fanatiker, der ein gutes Werk zu vollbringen und den Himmel zu verdienen glaubte. Deshalb hatte er Ludwig den Fünfzehnten zu ermorden versucht; obwohl er ihm nur eine leichte Hautwunde beigebracht hatte, wurde er mit glühenden Zangen zerrissen, wie wenn er das Verbrechen wirklich ausgeführt hätte.

Ich mußte von der Todesqual dieses Opfers der Jesuiten den Blick abwenden und mußte mir die Ohren zuhalten vor dem gellenden Geschrei des Unglücklichen, der nur noch seinen halben Leib hatte. Aber die Lambertini und die dicke Tante waren nicht im geringsten bewegt. Tatsache ist es, daß Tiretta (ein Freund Casanovas) die fromme Tante während der ganzen Dauer der Hinrichtung auf eine sonderbare Art beschäftigt hielt, und vielleicht war er die Veranlassung, daß die tugendhafte Dame keine Bewegung zu machen, ja nicht einmal den Kopf umzuwenden wagte.

Da er unmittelbar hinter ihr stand, hatte er die Vorsicht gebraucht, ihren Rock hochzuheben..." (III, 34, 35).

Ich zitiere so weit, um zu demonstrieren, wie kühl und moralfrei Casanova die offensichtlich zuweilen äußerst degoutanten Sitten und Unsitten seiner Zeit notierte. Wir würden heute sagen: er verhielt sich phänomenologisch. Eine erstaunliche Haltung bei einem so emotional bestimmten, einem so egozentrischen Charakter.

Soziales Mitleid war ihm fremd, wie gesagt, die soziale Frage vernahm er überhaupt nicht. Er erlebte die entscheidendste europäische Revolution, den historischen Freiheitskampf des Bürgers und den ersten Sieg in diesem Kampf: 1789: