Das Berliner junge Ensemble sagt: ja

7. K., Berlin

Er stirbt offenbar niemals ganz aus, der Enthusiasmus junger Theaterleute. Daß ihre Kunst nicht immer nach Brot, nach subventioniertem, geht, beweist das „Junge Ensemble“ Thomas Harlans. Man täte dem Sohn des „Jud-Süß“-Regisseurs Unrecht, wenn man sein Stück über das Schicksal des Warschauer Ghettos nur als Ausdruck eines Vater-Sohn-Konfliktes oder als Akt persönlicher Wiedergutmachung im Sinne umgekehrter „Sippenhaftung“ verstünde – Autor und Stück bedeuten mehr. Aber freilich wären der flammende Gerechtigkeitstrotz, die revolutionäre Erbitterung des jungen Harlan ohne diesen familiären Aspekt auch nicht recht zu begreifen.

Die fünfzigste Vorstellung konnte das „Junge Ensemble“ im kleinen Theater der Berliner Kongreßhalle jetzt stolz ankündigen. Ein erstaunlicher Erfolg, denn die Aufführung ist bei allem guten Willen doch keineswegs gut; sie geht manchmal nur knapp am Dilettantismus vorbei (Regie: Konrad Swinarski, Warschau).

Und das Stück? Es ist eine manchmal quälend wirre und schleppende Reportage; einzelne Bilder erreichen dann überraschend lyrische Tiefen und erschüttern. Der Titel spiegelt etwas von beidem: „Ich selbst und kein Engel.“

Die Hauptdarstellerin, eine Argentinierin polnisch-jüdischer Abstammung (Cipe Lincovski), wurde von der Kritik gefeiert; in der Tat fällt sie aus dem Rahmen deutscher Schauspielkunst, und auch in diesem durchweg jiddisch akzentuierten Drama ist sie allein ganz glaubwürdig. Bemerkenswert nahe kommt ihr die sehr junge Claudia Brodzinska, ein schmaler, seelenäugiger Anne-Frank-Typ.

Thomas Harlans Text scheut Mißdeutungen nicht. Eine halbe Million Warschauer Juden erhofft Befreiung von der Roten Armee. In der Tat mußten die Sowjets den Juden als einzige Alternative zur SS erscheinen. Aber sollte sich keiner der Verfolgten Gedanken darüber gemacht haben, daß wohl auch mit der Roten Armee die Freiheit nicht kommen werde? Dem radikal gesonnenen Autor wären solche Nuancen zu differenziert. Aber die Wahrheit lebt von der Nuance. Wüßte Harlan das, hätte er ein besseres Stück geschrieben.