Von Thilo Koch

War Casanova ein Graphomane? Diese Frage erörterte Thilo Koch in der vorigen Folge seines Berichtes, und er widersprach am Ende der Auffassung Stefan Zweigs, der in Casanova nur einen Genuß- und Tatmenschen sah, lediglich dann zum Schreiben aufgelegt, wenn es nichts zu tun gab.

Giacomo Casanova war auch hierin ein typischer Sohn seines Jahrhunderts, daß er kontinuierlich Konfessionen verfaßte – in Briefen, bevor er die Konfession der Memoiren als Dichtung schrieb. Wenige Briefe sind uns bekannt; darin erscheint er oft rechthaberisch und düster, ressentimentgeladen und unsicher. Der Verfasser dieser Briefe war kein einfacher Charakter, kein lebensstrotzender Faun, keine vordergründige Vollnatur. Seine Briefe geben dem Kritiker der Memoiren, Gugitz, von einer anderen, von der psychologischen Seite her in vielem recht. Der Casanova der Memoiren war nicht rundum der Casanova, der gelebt hat.

Auch viele Briefe an Casanova zeigen ihn in diesem anderen Licht. Erschütternd die Ausbrüche der armen Manon Baletti, mit der er in Paris verlobt war und die er sitzenließ.

„Ein Uhr. (Paris, Juni, 1757?)

In der Tat, mein lieber Freund, Sie werden sehr drollig: und Sie werden es fast ebenso wie ich, was mich den Entschluß fassen läßt, es nicht mehr zu sein. Wie doch! Wir schreiben uns die angenehmsten Dinge der Welt und streiten uns immer! Hoho, das ist keineswegs recht und muß nicht so sein, mein lieber Freund; wir sind auch diesen Abend ganz zur unrechten Zeit aufeinander böse geworden; ich sage „wir“, weil ich es in Wahrheit nicht bin, nein, ich trage Ihnen keineswegs etwas nach und denke an Sie ohne eine Art Groll. Aber warum, mein Lieber, zürnen Sie, der Sie mich so sehr lieben (wie Sie sagen), für nichts.“ (C. Erinnerg. XIV, 18)

„Ach, mein lieber Freund, all mein Glück ist, Sie zu sehen und Sie zu sprechen; wie auf das eine und das andere verzichten? Wenn Sie wüßten, wieviel ich geweint habe, mein lieber Freund! Ich habe seit Ihrer Abreise nicht aufgehört und habe sehr Furcht, daß Sie bei Ihrer Rückkehr mich so entstellt finden, daß Sie mich nicht mehr lieben. Diesen Morgen habe ich das Gesicht ganz aufgeschwollen und gerötet gefunden, wie wenn ich die Blattern gehabt hätte. Aber ich glaube, daß das keine Folgen haben wird, denn das ist die gewöhnliche Wirkung der Tränen bei mir (obschon heftiger). Sie werden nur dann ein wenig versiegen, wenn ich von Ihnen Nachrichten haben werde, die ich mit der lebhaftesten und zärtlichsten Ungeduld erwarte.“ (C. Erinnerung. XIV, 52)